Mittelerde en realité

von Karim Khodier, KairoAugustinus

„Gestern ist Vergangenheit, heute ist Gegenwart, morgen ist Zukunft.“ „Vor einer Stunde ist Vergangenheit, jetzt ist Gegenwart, in einer Stunde ist Zukunft.“ Ist es nicht ein Widerspruch, wenn vor einer Stunde Vergangenheit ist, wo doch – gesetzt es sei gerade Mittag – vor einer Stunde heute ist und heute Gegenwart ist? So wäre doch vor einer Stunde zugleich Vergangenheit und Gegenwart. Kann man überhaupt sagen, etwas sei Vergangenheit? Kann man sagen, etwas sei Zukunft? Gibt es Gegenwart?

Mit eben diesen Fragen hat sich Aurelius Augustinus beschäftigt. So ist die Frage, ob Vergangenheit sein kann, mit „nein“ zu beantworten. Vergangenheit ist nicht, denn sie war schon, und was war kann nicht mehr sein. Selbiges gilt für Zukunft, denn diese wird erst sein, und was erst sein wird, kann nicht schon sein. Vergangenheit und Zukunft sind also nicht. Wie steht es um die Gegenwart? Wie kann etwas Gegenwart sein, wo es doch, sobald es nicht mehr Zukunft ist, also nicht mehr sein wird, schon war und damit zur Vergangenheit zählt?

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Ich weiß

von Lara Kirfel

die zeit
sie nahm dich an die hand
und zog dich fort
mich
ließ sie am flussufer stehn
ich solle warten bis der wind kommt

die großen worte
sind zu boden gefallen und
zersplittert
ich hab sie wieder zusammengesetzt
und mit herzblut geklebt
sagt, ihr planeten
um was dreht ihr euch jetzt?

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Das zusammengesetzte Ich

Peter WeissDie Vorstellung, die personale Identität eines Menschen speise sich aus einer Art Seelensubstanz, welche die einzelnen Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche trage und dadurch die Einheit der Person über die Zeit hinweg garantiere, wird in der Philosophie seit Jahrhunderten heftig attackiert. Dem wird die Vorstellung der Person als eines Bündels eben dieser Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche entgegengehalten, dessen Einheit eben genauso weit reicht wie die Summe seiner Bestandteile selbst.

Die sich hieraus ergebenden Idee, dass es sich bei unserem Ich um etwas Zusammengesetztes handelt, ist in der Literatur häufig aufgegriffen und nach verschiedenen Richtungen hin thematisiert worden. So geht Peter Weiss in seiner Erzählung „Das Duell“ (1972) den Konsequenzen nach, die ein solcher Ichbegriff für die Aufgabe einer Sorge um sich selbst hat, welche die Augen vor den Verstrickungen mit der vielfältig zersplitterten Vergangenheit, die ein einfaches Fortsetzen des Bisherigen verbieten, nicht verschließt:

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Ein Sprungbrett zur Wahrheit

strudlhofstiege_detail.jpgHeimito von Doderer, dessen Name allein ihn zu einem Künstler zu machen scheint, berichtet in seiner Strudlhofstiege (1951) von den schöngeistigen, dem Schopenhauer- studium gewidmeten Zusammen- künften Etelkas und Pistas, zweier Aristokratensprösslinge in Wien kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in denen es ‚Geist hagelt‘ (S. 116) und die Anwesenden Schopenhauers ‚bestrickende Sprache in sich hineinsaugen wie vertrockneter Boden den Regen‘ (S. 117). Und er kommt nicht umhin, die Lächerlichkeit dieser Unternehmungen zuzugeben, und verteidigt sie doch gleichzeitig.

Denn „ein Blick zurück aus der Formlosigkeit unserer Zeit mit ihrem lebensnahen Getue, das in Wahrheit einer viel tieferen Zerfallenheit mit dem Leben entspringt, rückt hier Schätzbares in die Perspektive: Weiterlesen

Winter

von Oliver Pangasius

In Kälte ist erstarrt, was sonst beweglich
dem Werden stets verhaftet vorwärts schreitet.
Und was sich sonst voll Lebensfreude täglich
verändert, ist dem Sterben nun bereitet.

Des Lebens Einheit ist nunmehr zerteilt.
Gebrochnes Licht fällt müde durch die Zweige.
Die Schöpferkraft, die sonst in allem weilt
und wirkt, geht in der Stille nun zuneige.

Was bleibt, wenn man der Welt das Leben nimmt?
Des Zustands Kern – verbindungslos zum andern.
Wir Menschen müssen einsam und gekrümmt
vor Kälte durch erfrorne Räume wandern.

 

Oliver Pangasius, geboren 1968 in Buxtehude, Uhrmacherlehre in Osnabrück, lebt heute in Tecklenburg. Seine an der traditionellen norddeutschen Kalenderdichtung geschulte Lyrik verbindet den ernst-zurückhaltenden Tenor dieser Gattung mit parodistischen Elementen durch deren Überzeichnung.

 

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Denken ohne Gehirn

von Manuel Möller, Saarbrücken

Ein Computerprogramm kann mit einer unendlichen Zahl von Hardware- konfigurationen realisiert werden. Durch das Studium der Schaltkreise auf einem Computerchip kommt man dem Verständnis des ablaufenden Programms aber nicht näher. Es würde schließlich auch niemand die chemische Zusammensetzung der Tinte untersuchen, mit der Shakespeares Stücke geschrieben sind, um ihren Inhalt zu verstehen.

Diese Überlegungen nimmt Jerry Fodor (*1935) als Ausgangsbasis, um seinen Funktionalismus mentaler Repräsen- tationen zu entwickeln, den er in zahlreichen Büchern immer weiter verfeinert hat. Dazu gehören etwa „The Modularity Of Mind“ (1983) und „The Elm and the Expert“ (1994).

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Dichtung und Wahrheit

Der große Linguist Roman Jakobson widmet sich ein seiner glänzenden Studie „Was ist Poesie?“ aus dem Jahre 1934 der Fragwürdigkeit einer Unterscheidung von psychischer Realität und dichterischer Fiktion, wie sie sich angeblich in der Analyse von autobiographischen Werken treffen lässt. Wenigstens diejenige Lesart einer solchen Unterscheidung, die eine Art kausale Hervorbringung der Fiktion durch das vorher Erlebte suggeriert, lehnt Jakobson ganz im Sinne des Strukturalismus kategorisch ab. Genauso gut könnte man das Gegenteil behaupten, doch letztlich bleiben solche „Gleichungen mit zwei Unbekannten“ fruchtlos. Und das Beispiel, mit dem Jakobson seine Meinung in einer Fußnote illustriert, verdient hier in den Vordergrund gerückt zu werden.

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Lied ohne Worte

Lieder ohne WorteMit seinen Liedern ohne Worte hat Felix Mendelssohn-Bartholdy dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts das Idealbild der gepflegten Hausmusik vermacht. Gerade deshalb haben sie heute ihre Bedeutung verloren, so schreibt das Ullstein-Lexikon der Musik. Doch aufmerksames Hören lässt schnell klar werden, wie wenig sich diese kleinen Klavierstücke auf ein Mittel zur Demonstration des im Klavierunterricht gelernten im familiären Kreis reduzieren lassen. Schon das erste Stück, ein zurückhaltendes Andante con moto (mp3) lässt den Titel der Sammlung unmittelbar einsichtig werden.

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Heidegger und das Man

Man mag von Heidegger halten, was man will. Jenen Heidegger, den Reger in Thomas Bernhards Alte Meister als „Voralpenschwach- denker“ beschimpft, als „vor dem verlogenen Blockhaus“ sitzenden „Denkspießer mit der schwarzen Schwarz- waldhaube auf dem Kopf“, der die Philosophie auf die „unverschämteste Weise total verkitscht hat“. Man mag von ihm halten, was man will, aber seine Analyse des alltäglichen Selbstseins und des Man im § 27 von Sein und Zeit ist nichts anderes als brilliant; weniger philosophisch zwar als dichterisch, doch das bringt diesen Paragraphen ja gerade dazu, so herausragend zu sein.

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Altenessen

von Ingo Munz

In Essens Norden, wo die Mutter sanft schon schläft,
Listig sich versteckt ein Ort gar magisch arglos.
Stumm und taub dort feiert’s Menschenwerke schüchtern
Kommunion mit der Welten seltsam Farbenspiel.

Wild und welk das graue G’strüpp heut wuchert freudig
Auf des winz’gen Berges rauen rauen Rücken.
Und mit dumpfem Stolz ein Blickfang sich behauptet,
Der gleich des Menschen G’sicht, peinigend verwittert.

Endlich fällt hinab des Menschen ängstlich Augenblick
In die offne Wunde der sterbensbereiten
Schlote, die noch immer schwer atmen und trotzen
Dem wenig grünen Grün im bunten Einerlei.

Doch dann erblickst und riechst, O Mensch, du das Wunder.
Denn planlos plötzlich wächst aus dem schwarzen Grunde,
Das blaue Blümelein, so wunderbar und mannigfach,
Dass unser Herz vor Glück und Freude lacht und lacht.

 

Ingo Munz, geboren 1973 in Erlenbach am Main, ist Volksdichter. Er schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Gedichte und kurze Prosa. Ingo Munz lebt in Essen.

Die Flüchtigkeit der Worte

Augustinus schreibt im Zusammenhang mit der Vergänglichkeit alles Irdischen: „Auch die Worte, die man spricht, vernimmst du ja mit demselben Fleischessinn und willst nicht, daß die Silben stehen bleiben, sondern dahin eilen und anderen Platz machen, damit du das Ganze vernehmest. So ist’s immer mit allen Teilen, daraus ein Ganzes besteht. Die Teile aus denen es besteht, können nicht alle zugleich sein. Alle zusammen, wenn man sie in ihrer Ganzheit wahrnehmen kann, erfreuen mehr als die einzelnen.“ (Confessiones IV/11) Weiterlesen

Zum Italiener verurteilt

Von Nicola Carpentiero, Florenz

Ein halbes Jahrzehnt ist nun schon vergangen. Und doch, wenn man den Corriere della Sera aufschlägt, ist noch die Lücke deutlich sichtbar, die Indro Montanelli hinterlassen hat. Der aus Fucecchio stammende Journalist ist in der Tat eine der wenigen Lücken, die schwerlich gefüllt werden können. Denn Montanelli war nicht nur einer der größten italienischen Journalisten; Montanelli ist ein Denkmal der italienischen Geschichte, Zement und tragender Wert unseres verworrenen italienischen Daseins.

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A. Carpentiers Reise in den Urwald oder die Lesbarkeit der Natur

Ich bin nicht hier, um zu denken. Ich darf nicht denken. Ich muß vor allem sinnlich wahrnehmen und sehen. Und wenn das Sehen zum Schauen wird, strahlt ein einzigartiges Licht auf und alles bekommt eine Stimme. So habe ich einmal blitzartig entdeckt, daß es einen Tanz der Bäume gibt. Nicht alle Bäume kennen das Geheimnis, im Wind zu tanzen. Aber diejenigen, die diese Gnade besitzen, tanzen rings um den zitternden Stamm den Reigen der leichten Blätter, Äste und Triebe. Alles wird Rhythmus im Laub, wird aufsteigende, unruhige Bewegung, ein sich Kräuseln und Zurückwogen, dann weiße Pausen, Atemholen, Ermattung, die plötzlich umschlägt in Freude und wirbelnde Bewegung in einer wundervollen Musik des Grüns. Es gibt nichts Schöneres als den Tanz eines Bambushains im Wind. Keine menschliche Choreographie besitzt je eine solche Eurhythmie wie ein Zweig, der sich gegen den Himmel aufschwingt. Manchmal frage ich mich, ob nicht die höhere Form ästhetischen Empfindens einfach in einem höheren Verständnis der Schöpfung besteht. Eines Tages werden die Menschen in den Augen des Chalzedons, im graubraunen Samt der Nachtfalter ein Alphabet entdecken und sich staunend plötzlich bewußt werden, daß jede gefleckte Schnecke schon ein Gedicht war.

(Alejo Carpentier: Die verlorenen Spuren. Suhrkamp 1979. S. 268f.)

Alter Egon…

… soll Ort und Stelle sein für Beiträge aus Kunst, Kritik und Wissenschaft – von mir und ausgesuchten Gastautoren. Textvorschläge sind jederzeit willkommen.

„Alter Egon“ geht auf einen Druckfehler in der Bildzeitung zurück, dessen genaue Herkunft (Flüchtigkeitsfehler oder Dummheit) unklar ist. In Anlehnung an A. Schütz soll hier eingangs die Generalthesis des Alter Egon aufgestellt werden: Es wird als selbstverständlich hingenommen, dass es gleichgeartete Menschen gibt. Ich frage daher: Wo seid ihr, ihr Gleichgearteten??

Ein Alter Egon ist dies nur insofern als er sich selbst ein Egon ist und ich wiederum für ihn ein Alter Egon. Nur in wechselseitiger Bestimmtheit, nur in Selbst- und Fremdauslegung sind wir, was wir sind.