von Karim Khodier, Kairo
„Gestern ist Vergangenheit, heute ist Gegenwart, morgen ist Zukunft.“ „Vor einer Stunde ist Vergangenheit, jetzt ist Gegenwart, in einer Stunde ist Zukunft.“ Ist es nicht ein Widerspruch, wenn vor einer Stunde Vergangenheit ist, wo doch – gesetzt es sei gerade Mittag – vor einer Stunde heute ist und heute Gegenwart ist? So wäre doch vor einer Stunde zugleich Vergangenheit und Gegenwart. Kann man überhaupt sagen, etwas sei Vergangenheit? Kann man sagen, etwas sei Zukunft? Gibt es Gegenwart?
Mit eben diesen Fragen hat sich Aurelius Augustinus beschäftigt. So ist die Frage, ob Vergangenheit sein kann, mit „nein“ zu beantworten. Vergangenheit ist nicht, denn sie war schon, und was war kann nicht mehr sein. Selbiges gilt für Zukunft, denn diese wird erst sein, und was erst sein wird, kann nicht schon sein. Vergangenheit und Zukunft sind also nicht. Wie steht es um die Gegenwart? Wie kann etwas Gegenwart sein, wo es doch, sobald es nicht mehr Zukunft ist, also nicht mehr sein wird, schon war und damit zur Vergangenheit zählt?
Die Vorstellung, die personale Identität eines Menschen speise sich aus einer Art Seelensubstanz, welche die einzelnen Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche trage und dadurch die Einheit der Person über die Zeit hinweg garantiere, wird in der Philosophie seit Jahrhunderten heftig attackiert. Dem wird die Vorstellung der Person als eines Bündels eben dieser Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche entgegengehalten, dessen Einheit eben genauso weit reicht wie die Summe seiner Bestandteile selbst.
Heimito von Doderer, dessen Name allein ihn zu einem Künstler zu machen scheint, berichtet in seiner Strudlhofstiege (1951) von den schöngeistigen, dem Schopenhauer- studium gewidmeten Zusammen- künften Etelkas und Pistas, zweier Aristokratensprösslinge in Wien kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in denen es ‘Geist hagelt’ (S. 116) und die Anwesenden Schopenhauers ‘bestrickende Sprache in sich hineinsaugen wie vertrockneter Boden den Regen’ (S. 117). Und er kommt nicht umhin, die Lächerlichkeit dieser Unternehmungen zuzugeben, und verteidigt sie doch gleichzeitig.
Ein Computerprogramm kann mit einer unendlichen Zahl von Hardware- konfigurationen realisiert werden. Durch das Studium der Schaltkreise auf einem Computerchip kommt man dem Verständnis des ablaufenden Programms aber nicht näher. Es würde schließlich auch niemand die chemische Zusammensetzung der Tinte untersuchen, mit der Shakespeares Stücke geschrieben sind, um ihren Inhalt zu verstehen.
Der große Linguist Roman Jakobson widmet sich ein seiner glänzenden Studie “Was ist Poesie?” aus dem Jahre 1934 der Fragwürdigkeit einer Unterscheidung von psychischer Realität und dichterischer Fiktion, wie sie sich angeblich in der Analyse von autobiographischen Werken treffen lässt. Wenigstens diejenige Lesart einer solchen Unterscheidung, die eine Art kausale Hervorbringung der Fiktion durch das vorher Erlebte suggeriert, lehnt Jakobson ganz im Sinne des Strukturalismus kategorisch ab. Genauso gut könnte man das Gegenteil behaupten, doch letztlich bleiben solche “Gleichungen mit zwei Unbekannten” fruchtlos. Und das Beispiel, mit dem Jakobson seine Meinung in einer Fußnote illustriert, verdient hier in den Vordergrund gerückt zu werden.
Man mag von Heidegger halten, was man will. Jenen Heidegger, den Reger in Thomas Bernhards Alte Meister als “Voralpenschwach- denker” beschimpft, als “vor dem verlogenen Blockhaus” sitzenden “Denkspießer mit der schwarzen Schwarz- waldhaube auf dem Kopf”, der die Philosophie auf die “unverschämteste Weise total verkitscht hat”. Man mag von ihm halten, was man will, aber seine Analyse des alltäglichen Selbstseins und des Man im § 27 von Sein und Zeit ist nichts anderes als brilliant; weniger philosophisch zwar als dichterisch, doch das bringt diesen Paragraphen ja gerade dazu, so herausragend zu sein.
Ein halbes Jahrzehnt ist nun schon vergangen. Und doch, wenn man den Corriere della Sera aufschlägt, ist noch die Lücke deutlich sichtbar, die
Ich bin nicht hier, um zu denken. Ich darf nicht denken. Ich muß vor allem sinnlich wahrnehmen und sehen. Und wenn das Sehen zum Schauen wird, strahlt ein einzigartiges Licht auf und alles bekommt eine Stimme. So habe ich einmal blitzartig entdeckt, daß es einen Tanz der Bäume gibt. Nicht alle Bäume kennen das Geheimnis, im Wind zu tanzen. Aber diejenigen, die diese Gnade besitzen, tanzen rings um den zitternden Stamm den Reigen der leichten Blätter, Äste und Triebe. Alles wird Rhythmus im Laub, wird aufsteigende, unruhige Bewegung, ein sich Kräuseln und Zurückwogen, dann weiße Pausen, Atemholen, Ermattung, die plötzlich umschlägt in Freude und wirbelnde Bewegung in einer wundervollen Musik des Grüns. Es gibt nichts Schöneres als den Tanz eines Bambushains im Wind. Keine menschliche Choreographie besitzt je eine solche Eurhythmie wie ein Zweig, der sich gegen den Himmel aufschwingt. Manchmal frage ich mich, ob nicht die höhere Form ästhetischen Empfindens einfach in einem höheren Verständnis der Schöpfung besteht. Eines Tages werden die Menschen in den Augen des Chalzedons, im graubraunen Samt der Nachtfalter ein Alphabet entdecken und sich staunend plötzlich bewußt werden, daß jede gefleckte Schnecke schon ein Gedicht war.