A. Carpentiers Reise in den Urwald oder die Lesbarkeit der Natur

Ich bin nicht hier, um zu denken. Ich darf nicht denken. Ich muß vor allem sinnlich wahrnehmen und sehen. Und wenn das Sehen zum Schauen wird, strahlt ein einzigartiges Licht auf und alles bekommt eine Stimme. So habe ich einmal blitzartig entdeckt, daß es einen Tanz der Bäume gibt. Nicht alle Bäume kennen das Geheimnis, im Wind zu tanzen. Aber diejenigen, die diese Gnade besitzen, tanzen rings um den zitternden Stamm den Reigen der leichten Blätter, Äste und Triebe. Alles wird Rhythmus im Laub, wird aufsteigende, unruhige Bewegung, ein sich Kräuseln und Zurückwogen, dann weiße Pausen, Atemholen, Ermattung, die plötzlich umschlägt in Freude und wirbelnde Bewegung in einer wundervollen Musik des Grüns. Es gibt nichts Schöneres als den Tanz eines Bambushains im Wind. Keine menschliche Choreographie besitzt je eine solche Eurhythmie wie ein Zweig, der sich gegen den Himmel aufschwingt. Manchmal frage ich mich, ob nicht die höhere Form ästhetischen Empfindens einfach in einem höheren Verständnis der Schöpfung besteht. Eines Tages werden die Menschen in den Augen des Chalzedons, im graubraunen Samt der Nachtfalter ein Alphabet entdecken und sich staunend plötzlich bewußt werden, daß jede gefleckte Schnecke schon ein Gedicht war.

(Alejo Carpentier: Die verlorenen Spuren. Suhrkamp 1979. S. 268f.)