Zum Italiener verurteilt

Von Nicola Carpentiero, Florenz

Ein halbes Jahrzehnt ist nun schon vergangen. Und doch, wenn man den Corriere della Sera aufschlägt, ist noch die Lücke deutlich sichtbar, die Indro Montanelli hinterlassen hat. Der aus Fucecchio stammende Journalist ist in der Tat eine der wenigen Lücken, die schwerlich gefüllt werden können. Denn Montanelli war nicht nur einer der größten italienischen Journalisten; Montanelli ist ein Denkmal der italienischen Geschichte, Zement und tragender Wert unseres verworrenen italienischen Daseins.

Montanelli war ein scharfer und aufmerksamer Beobachter nationaler Angelegenheiten, ein brillanter Polemiker und unermüdlicher Kämpfer, dessen Feldzüge für Italien mitunter lebenswichtig waren (der letzte war der gegen Silvio Berlusconi). Dieser Montanelli hat seine langjährige Tätigkeit als Historiker und Journalist jedoch vor allem dem beständigen und leidenschaftlichen Dialog mit dem Leser gewidmet, vor dem allein er bereit war Rechenschaft abzulegen. In der Tat waren es die Gespräche mit seinen Lesern, die sein Schreiben beseelt und seine Recherchen belebt haben, so wie es der besten journalistischen Tradition zukommt. Und diese besteht in Analysen, Befragungen und eben schließlich dem Dialog und dem Vergleich mit der Andersartigkeit der Wirklichkeit.

Montanelli, der das gesamte 20. Jahrhundert durchlebt und es durch seine Hauptdarsteller (von Mussolini bis De Gaulle, von Hitler bis Churchill) kennen gelernt hat, beschrieb sich selbst so: „Immer Zeuge, nie Protagonist!“. Man tut diesem Ausdruck der Bescheidenheit gleichwohl kein Unrecht, wenn man Montanelli einen großen Protagonist des kulturellen Lebens in Italien nennt, der aus der Geschichte das Mittel der Wahl machte um zu verstehen „woher unser Land kommt“, „aus welchen Ereignissen es hervorgegangen ist“ und auch „warum es nicht so ist, wie es sein sollte“. An die Geschichte glaubte er wegen ihrer Wichtigkeit für die Bildung eines Zivilbewusstseins. Mit dem morgen hatte er dagegen fühlte er sich nicht recht wohl: „Ich habe mein Leben dem bescheidenen Studium des gestern gewidmet. Das morgen entzieht sich mir.“ Im Übrigen war er stets der Schlussfolgerung verpflichtet, dass es „in Italien besser ist, nie irgendetwas zu ändern, da es immer darauf hinausläuft, dass man es zum Schlechten hin verändert“.

Der Horizont Montanellis war also der der Vergangenheit; mit Sicherheit eine durch die Gegenwart verklärte Vergangenheit, wiederhergestellt in Form einer Erzählung, in welcher er die relevanten Details des italienischen Volkes aufgespürt, erforscht und verurteilt hat. Die Zugehörigkeit zu diesem Volk hat er stets als Urteil empfunden, und doch hat er an ihm gerade sein Italienischsein verurteilt, das immer als gute Ausrede für jeden unserer Irrtümer, jede unsere Unangemessenheit, jede unsere sprichwörtliche Janusköpfigkeit herhalten muss. Er war ein Italiener gegen die Ausschweifungen der Italiener, und gerade deswegen war er ein großer Italiener, denn der wahre Italiener ist der Antiitaliener, und das Antiitalienische ist der beste Wesenszug des Italienischen.

Es ist kein Zufall, dass er auf die Ernennung zum Senator auf Lebenszeit sowie auf den Direktorposten des Corriere della Sera verzichtete, um weiterhin seiner Tätigkeit nachgehen zu können. Von der hohen Warte seiner Erfahrung aus verstand er, dass die Chefsessel Zugeständnisse und Kompromisse erfordern, die zumeist damit enden, dass man sein Schreibzeug wegpackt, die einem den Stolz nehmen und den lebendigen Instinkt ersticken, der es einem erlaubt, die Feder schnell über das Papier laufen zu lassen und in Freiheit zu informieren und zu kritisieren. Ein Italiener also. Ein Italiener, wie es Pirandello, Don Milani, Pasolini, Sciascia und Bobbio waren; und wie es auf ihre Art auch die Fallaci war.

Aus Argwohn gegenüber den Stammtischmoralisten hat er seinen Lesern niemals Vorschriften gemacht. Für die Jungen hat er hingegen folgende Ermutigung ausgesprochen: „Kämpft stets für die Dinge, an die ihr glaubt. Ihr werden alle Kämpfe verlieren, so wie ich alle verloren habe. Einen nur könnt ihr gewinnen: Den, der jeden Morgen losbricht, wenn man sich vor dem Spiegel rasiert. Wenn ihr euch ansehen könnt, ohne zu erröten, so seid zufrieden!“

Für fast ein Jahrhundert hat er sich sein blankes Gesicht bewahrt.

 

 

Aus dem Italienischen von Simon Meier.

Den Orginaltext kann man sich hier als pdf herunterladen.

3 Gedanken zu „Zum Italiener verurteilt

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