Die Flüchtigkeit der Worte

Augustinus schreibt im Zusammenhang mit der Vergänglichkeit alles Irdischen: „Auch die Worte, die man spricht, vernimmst du ja mit demselben Fleischessinn und willst nicht, daß die Silben stehen bleiben, sondern dahin eilen und anderen Platz machen, damit du das Ganze vernehmest. So ist’s immer mit allen Teilen, daraus ein Ganzes besteht. Die Teile aus denen es besteht, können nicht alle zugleich sein. Alle zusammen, wenn man sie in ihrer Ganzheit wahrnehmen kann, erfreuen mehr als die einzelnen.“ (Confessiones IV/11)

Augustinus spricht hier einen Punkt an, der für die Sprachwissenschaft wie auch für die Hermeneutik von tragender Bedeutung ist: Der Verstehende, der die Aufgabe hat, in einem Text einen einheitlichen Sinn zu entdecken, wird im Modus der gesprochenen Sprache mit einer grundlegenden Paradoxie konfrontiert. Im Sprechen ist die Sprache durch und durch im Fluss. Und doch kann das kontunuierliche Verschwinden der Worte im Fluss der Rede nicht verhindern, dass uns diese als eine den Hörer einnehmende Ganzheit erscheint, wie sie der geschriebenen Sprache, der man sich in kritischem Abstand nähert, kaum zukommt. Die Flüchtigkeit der gesprochenen, d.h. der sinnlich wahrnehmbaren Worte wird zur Bedingung der einnehmenden Ganzheit ihres Sinnes. Gadamer hebt ebenfalls diese Leistung des Hörens hervor: „Das ist das Wesen des Hörens, dass sich die ganze Gliederung der Rede wie in die neue Einheit zusammenfasst, die das Wort ist, das einem gesagt wird. Das Wort ist nicht die Wörter.“ (Über das Hören, S. 200)

Dennoch kann bei entsprechend verzärtlichter Gemütsverfassung die Flüchtigkeit der Worte zur Last werden, wenn es um allein um ihre Ästhetik geht und das Wort in seiner Materialität selbst in den Fokus rückt. Wer wenn nicht der Überempfindliche Erzähler aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ kommt hierfür in Betracht? Folgendes wiederfährt ihm bei einem Theaterbesuch: „Ich hätte gern – um mir einen tieferen Eindruck davon verschaffen, nach dem Schönen darin forschen zu können – jede Modulation der Künstlerin noch lange im Ohr festhalten, jeden Ausdruck ihres Gesichts vor Augen haben mögen; so bot ich wenigstens alles auf, was ich an geistiger Beweglichkeit besaß, um schon im voraus meine Aufmerksamkeit ganz genau auf jeden Vers zu richten, damit ich nicht durch Vorbereitung auf den folgenden das kleinste Partikelchen von der Zeit verlöre, die jedes Wort, jede Geste in Anspruch nahm, und dank angespanntem Hinhören so tief in sie einzudringen, wie ich es getan hätte, wenn ich sie lange Stunden hindurch hätte genießen können. Aber wie kurz war die Zeit! Kaum hatte ein Klang mein Ohr erreicht, so trat schon der nächste an seine Stelle.“ (Im Schatten junger Mädchenblüte, S. 32).

Aurelius Augustinus: Bekenntnisse. Übers. v. Wilhelm Thimme, Zürich: Artemis 1950, 1958.

Hans-Georg Gadamer: Über das Hören. In: Thomas Vogel (Hg.): Über das Hören, Tübingen: Attempto 1996. S. 197-205.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 2. Im Schatten junger Mädchenblüte, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1964.

Ein Gedanke zu „Die Flüchtigkeit der Worte

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