Heidegger und das Man

Man mag von Heidegger halten, was man will. Jenen Heidegger, den Reger in Thomas Bernhards Alte Meister als „Voralpenschwach- denker“ beschimpft, als „vor dem verlogenen Blockhaus“ sitzenden „Denkspießer mit der schwarzen Schwarz- waldhaube auf dem Kopf“, der die Philosophie auf die „unverschämteste Weise total verkitscht hat“. Man mag von ihm halten, was man will, aber seine Analyse des alltäglichen Selbstseins und des Man im § 27 von Sein und Zeit ist nichts anderes als brilliant; weniger philosophisch zwar als dichterisch, doch das bringt diesen Paragraphen ja gerade dazu, so herausragend zu sein.

Im alltäglichen Miteinandersein ist der Einzelne nicht selbst für sich und seine Existenz verantwortlich: „Die Anderen haben ihm das Sein abgenommen. Das Belieben der Anderen verfügt über die Seinsmöglichkeiten des Daseins.“ Die Anderen, unter deren Herrschaft ich stehe, sind zwar die Anderen, doch diese nenne ich nur so, „um die eigene wesenhafte Zugehörigkeit zu ihnen zu verdecken“. Denn im alltäglichen Leben bin ich so wie die anderen, ich bin so, wie man eben ist. Das Wer des alltäglichen Miteinanderseins „ist nicht dieser und nicht jener, nicht man selbst und nicht einige und nicht die Summe Aller.“ Es ist das Man.

Im Alltag, und besonders wenn man sich gesellschaftlicher Institutionen bedient, die jeden gleichschalten, „ist jeder Andere wie der Andere“. Man trifft andere, die man schon zu kennen glaubt, weil es eben die Anderen sind. Entscheidend ist, dass einem dieses Voraburteilen als solches nicht bewusst wird. „In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom ‚großen Haufen‘ zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden ‚empörend‘, was man empörend findet.“

Dem Man geht es wesentlich um Durchschnittlichkeit. Diese „wacht über jede sich vordrängende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.“ (Man könnte mit Ödon von Horvath das Man als den Ewigen Spießer bezeichnen, der danach trachtet, „jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.“)

„Das Man entlastet so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit seiner Alltäglichkeit kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt. Und weil das Man mit der Seinsentlastung dem jeweiligen Dasein ständig entgegen kommt, behält es und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft.“

Man ziehe von diesen Zitaten den heideggerschen Schwulst ab, und man wird erkennen, dass man sich ertappt fühlt…

Thomas Bernhard: Alte Meister. Komödie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1985.

Martin Heidegger: Sein und Zeit. 18. Aufl., Tübingen: Niemeyer 2001.

Ödon von Horvath: Der ewige Spießer. Ein erbaulicher Roman in drei Teilen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977.

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