Dichtung und Wahrheit
Der große Linguist Roman Jakobson widmet sich ein seiner glänzenden Studie “Was ist Poesie?” aus dem Jahre 1934 der Fragwürdigkeit einer Unterscheidung von psychischer Realität und dichterischer Fiktion, wie sie sich angeblich in der Analyse von autobiographischen Werken treffen lässt. Wenigstens diejenige Lesart einer solchen Unterscheidung, die eine Art kausale Hervorbringung der Fiktion durch das vorher Erlebte suggeriert, lehnt Jakobson ganz im Sinne des Strukturalismus kategorisch ab. Genauso gut könnte man das Gegenteil behaupten, doch letztlich bleiben solche “Gleichungen mit zwei Unbekannten” fruchtlos. Und das Beispiel, mit dem Jakobson seine Meinung in einer Fußnote illustriert, verdient hier in den Vordergrund gerückt zu werden.
Der tschechische Dichter Karel Hynek Mácha war nicht zuletzt berühmt für seine Schilderungen weiblicher Schönheit. So heißt es in seinem Roman Marinka: “Schwarze, schlichte Haare fielen in schweren Locken um ihr bleiches, ausgezehrtes Antlitz, welches das Zeichen hehrer Schönheit trug, auf das reine weiße Kleid, das oben bis zum Hals geschlossen war, unten bis zum kleinen, leichten Füßchen reichte, eine hohe, schlanke Gestalt offenbarend. Ein schwarzer Gürtel umschloss den zarten Leib, und eine schwarze Spange umspannte die schöne, hohe, weiße Stirn. Aber nichts erreichte die Schönheit der flammenden schwarzen, tiefliegenden Augen. Diesen Ausdruck der Trauer und Sehnsucht vermag keine Feder wiederzugeben.”
In seinen zur gleichen Zeit verfassten Tagebüchern (Mácha wurde nur 25 Jahre alt) hingegen heißt es: “Ich hob ihre Röcke hoch, um sie von vorn, von der Seite, von hinten zu betrachten… Die hat einen Mordsarsch… Sie hatte ganz schön weiße Schenkel… Ich spielte mit ihrem Fuß, sie zog den Strumpf aus, setzte sich aufs Kanapee und so weiter…”
Welche Schilderung ist Dichtung, welche ist Wahrheit? Muss man nicht Jakobson zustimmen, wenn er schreibt: “Jede verbale Äußerung stilisiert und transformiert in gewissem Sinn die Begebenheit, welche sie schildert”? Und was würde Esra sagen?
Roman Jakobson: Was ist Poesie?, in: Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971. Hg. v. Elmar Holenstein, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979, S. 67-82.