Das zusammengesetzte Ich

Peter WeissDie Vorstellung, die personale Identität eines Menschen speise sich aus einer Art Seelensubstanz, welche die einzelnen Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche trage und dadurch die Einheit der Person über die Zeit hinweg garantiere, wird in der Philosophie seit Jahrhunderten heftig attackiert. Dem wird die Vorstellung der Person als eines Bündels eben dieser Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche entgegengehalten, dessen Einheit eben genauso weit reicht wie die Summe seiner Bestandteile selbst.

Die sich hieraus ergebenden Idee, dass es sich bei unserem Ich um etwas Zusammengesetztes handelt, ist in der Literatur häufig aufgegriffen und nach verschiedenen Richtungen hin thematisiert worden. So geht Peter Weiss in seiner Erzählung „Das Duell“ (1972) den Konsequenzen nach, die ein solcher Ichbegriff für die Aufgabe einer Sorge um sich selbst hat, welche die Augen vor den Verstrickungen mit der vielfältig zersplitterten Vergangenheit, die ein einfaches Fortsetzen des Bisherigen verbieten, nicht verschließt:

„Die Zukunft war Utopie, wenn sie nicht aus der Vergangenheit kam. Wie konnte Neues entstehn, wenn das Alte ungelöst blieb? Das Alte ließ sich nicht wegbrennen, ließ sich nicht ausschließen. Er dachte daran, wie die meisten einen Strich durch die Jugend zogen und ein erwachsenes Leben begannen, und das, was stoßweise auftauchte aus dem Versteckten, mußte geheimgehalten werden, durfte niemals zur Sprache kommen. Mit Mühe hielten sie dieses Leben zusammen, sich selbst fremd, voller Schrecken vorm Aufzeigen ihrer Herkunft. Sie taten, als wären sie stark und lebenstüchtig, sie trugen die Gesellschaft, sie wagten nicht, ihr Gesicht zu verlieren – und warum sollten sie es auch: war es nichts Pflicht, die Ordnung zu bewahren? Sie zu verteidigen, für sie zu kämpfen. Aber hier kamen sie herein, einer nach dem andern wurden bandagiert, aufgeschnitten, zusammengeflickt, bekamen neue Finger, neue Münder, aber niemals ein neues Wesen, und nach einiger Zeit kamen sie zurück, kriechend oder per Bahre. Dennoch hielten sie sich, im Ganzen gesehn, recht gut, sie waren heroisch, und trotz allem fast unverwüstlich. Für ihn aber gab es einen anderen Weg. Es gab nichts Einfaches und Selbstverständliches für ihn, nur Zersplitterung und Ungewißheit. Er musste sich selbst im Zusammengesetzten, im Widerstreitenden suchen, für ihn gab es keine fertige Welt, er musste selbst bauen. Er war eine Idee, die noch nicht Gestalt angenommen hatte, ein Spuk, der sich einmal materialisieren würde. Dort war es, wo seine Arbeit einsetzen mußte. Er spürte, wie ein Gewebe in ihm entstand, wie feine Fäden in einem unsteten Licht Richtungen andeuteten, Strukturen, um sich wieder im Unkenntlichen zu verlieren.“ (S. 81-82)

Was hier als Arbeit bezeichnet wird, deren Ergebnis allerdings aus feinen Fäden und flüchtigen Strukturen besteht, erscheint bei Marcel Proust als Widerfahrnis, das wohl auch beunruhigt, aber letztlich doch ein ästhetisches Erleben darstellt, das gleichsam in der Rolle des bloßen Betrachters genossen werden kann. So heißt es gleich zu Beginn von „In Swanns Welt„, des ersten Bandes seiner Recherche, wo Proust den Moment des Erwachens beschreibt:

„…wenn ich mitten in der Nacht erwachte, wußte ich nicht, wo ich mich befand, ja im ersten Augenblick nicht einmal, wer ich war: ich hatte nur in primitivster Form das bloße Seinsgefühl, das ein Tier im Innern verspüren mag: ich war hilfloser ausgesetzt als ein Höhlenmensch; dann aber kam mir die Erinnerung – noch nicht an den Ort, an dem ich mich befand, aber an einige andere Stätten, die ich bewohnt hatte und an denen ich hätte sein können – gleichsam von oben her zu Hilfe, um mich aus dem Nichts zu ziehen, aus dem ich mir selbst nicht hätte heraushelfen können; in einer Sekunde durchlief ich Jahrhunderte der Zivilisation, und aus vagen Bildern von Petroleumlampen und offenen Hemden setzte sich allmählich mein Ich in seinen originalen Zügen wieder von neuem zusammen.“ (S. 12)

Auch für Prousts Erzähler ist das Finden der Wahrheit der eigenen Person weniger Ergebnis eines Suchens als vielmehr eines Schaffens (vgl. S. 64), und die bequeme Mühelosigkeit einer Beschränkung auf das Naheliegendste wird ebenfalls kritisiert (vgl. S. 66). Und doch bleibt die Überschreitung dieser Beschränktheit etwas, das uns „gleichsam von oben her“ geschieht und um das wir uns nicht selbst zu bemühen brauchen. Und ist nicht auch der Ort, an dem dies geschieht, bezeichnend? Bei Proust das heimische Schlafzimmer – bei Weiss hingegen das Lazarett?

 

Peter Weiss: Das Duell, Frankfurt: Suhrkamp 1972.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit I: In Swanns Welt, Frankfurt: Suhrkamp 1964.

 

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