Mittelerde en realité

von Karim Khodier, KairoAugustinus

„Gestern ist Vergangenheit, heute ist Gegenwart, morgen ist Zukunft.“ „Vor einer Stunde ist Vergangenheit, jetzt ist Gegenwart, in einer Stunde ist Zukunft.“ Ist es nicht ein Widerspruch, wenn vor einer Stunde Vergangenheit ist, wo doch – gesetzt es sei gerade Mittag – vor einer Stunde heute ist und heute Gegenwart ist? So wäre doch vor einer Stunde zugleich Vergangenheit und Gegenwart. Kann man überhaupt sagen, etwas sei Vergangenheit? Kann man sagen, etwas sei Zukunft? Gibt es Gegenwart?

Mit eben diesen Fragen hat sich Aurelius Augustinus beschäftigt. So ist die Frage, ob Vergangenheit sein kann, mit „nein“ zu beantworten. Vergangenheit ist nicht, denn sie war schon, und was war kann nicht mehr sein. Selbiges gilt für Zukunft, denn diese wird erst sein, und was erst sein wird, kann nicht schon sein. Vergangenheit und Zukunft sind also nicht. Wie steht es um die Gegenwart? Wie kann etwas Gegenwart sein, wo es doch, sobald es nicht mehr Zukunft ist, also nicht mehr sein wird, schon war und damit zur Vergangenheit zählt?

Mit der Gegenwart ist es wie mit einem Punkt. Ein Punkt hat keine Ausdehnung, so kann eine Linie keine Menge von Punkten sein, sondern lediglich eine Verbindung zweier. Ebenso wenig ist ein Quadrat eine Menge von Linien, da diese nur eindimensional sind, und ein Würfel ist keine Menge von Quadraten, da diese keine Ausdehnung dritter Dimension haben. Die Gegenwart hat also keine Ausdehnung. Wie aber können wir dann aber sagen, etwas sei Gegenwart? Wie können wir sagen, wie lange etwas dauert, wenn es doch wo es Zukunft ist, noch nicht dauert, wo es Gegenwart ist, nicht dauert, da die Gegenwart zwar ist, aber keine Zeit ist, und wo es Vergangenheit ist, nicht mehr dauert?

„Nur so, daß der Geist […] ein Dreifaches tut. Er erwartet, merkt auf und erinnert sich. Die Erwartung des Zukünftigen geht durch Aufmerken auf das Gegenwärtige hindurch in die Erinnerung an das Vergangene über.“ (Confessiones XI/18) So stellt die Tatsache, dass das Zukünftige noch nicht ist, das Vergangene nicht mehr ist und das Gegenwärtige keine Ausdehnung hat, gar kein wirkliches Problem dar. Was andauert, ist nicht die Gegenwart, sondern das „gegenwärtige Aufmerken, durch welches hindurch immerfort das Zukünftige abwandert“ (ebd.). So wird auch das Verständnis einer langen Zukunft und einer langen Vergangenheit, die ja beide gar nicht sind und somit nicht lang sein können, durch ihre Definition als lange Erwartung der Zukunft, bzw. lange Erinnerung an das Vergangene, einfacher. Durch die Erinnerung und durch die Erwartung, ebenso wie durch das Aufmerken, vergegenwärtigen wir uns aber Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Diese drei Medien erst machen die drei Zeiten für uns real.

Nun ist es so, dass Immanuel Kant den Raum als eine Wahrnehmungsvorraussetzung für Dinge außerhalb unserer Selbst definiert hat. So hat der Tisch, den ich sehe, solange ich ihn sehe, eine räumliche Existenz. Sehe ich ihn nicht, so mag er auf eine mir unzugängliche Weise existieren, aber nicht räumlich. Denn erst das Bewusstsein gibt ihm Raum. Wäre der Raum keine Wahrnehmungsvorraussetzung, die dem Menschen a priori gegeben ist, so wüsste ich nicht, dass der Tisch kein Teil von mir ist, sondern etwas außerhalb meiner Selbst.Ist der Raum also das Wahrnehmungsmedium für alles äußere, so ist die Zeit das Medium, durch das wir Inneres wahrnehmen. Zeit ist nur in uns. Der Tisch hat keine Zeit, solange er nicht gedacht wird. Es mag ihn geben, aber eben „zeitlos“.

Folglich ist alles, was gedanklich in uns ist, ein Gegenstand mit zeitlicher Existenz. Was zeitliche Existenz hat, hat diese nur insofern, als es ein Teil unserer inneren Realität ist. Dies wiederrum bedeutet, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch die Medien Erinnerung, Aufmerken und Erwarten, die ja selbst dauern, Teil unserer inneren Realität und somit Teil der Zeit werden.Doch kann man sich nur der Vergangenheit erinnern, der Gegenwart aufmerken und die Zukunft erwarten, wenn diese an sich schon real sind? Ist Realsein an sich – existieren – nicht eine Vorraussetzung für Zeitlichkeit? Oder müssen wir unseren Begriff von Realität neu definieren – entgegen seiner Bedeutung im Volksmund?

Lese ich einen Text, vergegenwärtige ich dann nicht, was ich gerade lese? Erinnere ich mich nicht dessen, was ich gelesen habe? Merke ich nicht dessen, auf was ich gerade lese, und erwarte, was ich noch lesen werde? Ist nicht dieses Zusammenspiel wieder ein Beispiel ausgedehnter Zeit? Ist nicht auch die Literatur ein weiteres Medium, durch das Zeit für uns Realität hat?

Ja, genau dies ist es. Lese ich eine Biographie, besser noch: eine Autobiographie, so vergegenwärtige ich mir das Leben eines anderen. Folglich wird sein Leben zu einem Bestandteil meiner Realität.Lese ich einen Roman – setzen wir diesen ruhig im Genre der Fantasy an – so vergegenwärtige ich mir eine geschriebene Realität. Dass diese vielleicht weder in Raum noch Zeit ein Teil der Realität, wie man sie herkömmlicher weise versteht, sein könnte, spielt keine Rolle. Jemand hat sich eine Welt, wie Tolkiens Mittelerde, mit ihrer Geschichte, mit ihren Geschehnissen ausgedacht. Durch das Ausdenken, seiner Erwartung dessen was er noch schreiben würde, sein Aufmerken dessen, was er gerade schreibt und durch seine Erinnerung an bereits Geschriebenes, Geschaffenes, vergegenwärtigt er die Gegenstände und Geschehnisse seiner Phantasie und gibt ihnen Realität – eine Realität, die auch die meine wird, wenn ich das Geschriebene lese.

Literatur ist also folglich ein Medium, das uns erlaubt, die Realität anderer Menschen, indem sie ein Teil unserer Zeit wird, zu unserer Realität zu machen. Ebenso erlaubt uns Literatur, Welten als real zu definieren, die es im allgemeinen Verständnis gar nicht sind. So ist auch die Sehnsucht nach erdachten Welten eine grundlose. Denn dadurch, dass wir sie denken, werden sie Teil unserer Realität, Teil unserer Zeit – sind real.

Und wenn das liebste Buch zu Ende geht? Dann denkt man es eben selbst weiter. Schon bevor es geschrieben war, war es real, denn es war in den Gedanken des Autors. So ist jeder Gedanke, ebenso wie die Literatur, ein Medium zur Realität. Und nur so kann verstanden werden, wie der Mensch seine Triebe durch „Freudsche Ersatzbefriedigung“ zähmen kann; und warum der Mensch auch manchmal Angst vor dem hat, dessen Absurdität er sich bewusst ist – denn was in unserem Bewusstsein ist, ist immer ein Teil unserer Realität.

 

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, Frankfurt: Insel 1956, B37-52

Aurelius Augustinus: Bekenntnisse, XI. Buch, übers. v. Wilhelm Thimme, Zürich: Artemis 1950, 1958

 

Karim Khodier, geboren am 15. Dezember 1990, wuchs in Ägypten und Österreich bikulturell auf. Er interessiert sich für Musik und Philosophie und engagiert sich für die Schülerzeitung. Beruflich möchte er sich dem Thema erneuerbaren Energien widmen, in der Hoffnung, neben all dem noch genügend Zeit zum Reiten zu finden.

 

Den Artikel hier als pdf herunterladen.

2 Gedanken zu „Mittelerde en realité

  1. Hi there! Quick question that’s completely off topic. Do you know how to make your site mobile friendly? My weblog looks weird when viewing from my iphone4. I’m trying to find a template or plugin that might be able to correct this issue. If you have any recommendations, please share. Cheers!Orangeburg Roofing & Painting, 512 Breezy Dr., Orangeburg, SC 29115 – (803) 566-8577

  2. Hi! Do you know if they make any plugins to help with Search Engine Optimization? I’m trying to get my blog to rank for some targeted keywords but I’m not seeing very good results. If you know of any please share. Thank you!Birmingham Roofing Contractors, 3506 Inverness Landing, Birmingham, AL 35242 – (205) 301-2113

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.