Altenessen

von Ingo Munz

In Essens Norden, wo die Mutter sanft schon schläft,
Listig sich versteckt ein Ort gar magisch arglos.
Stumm und taub dort feiert’s Menschenwerke schüchtern
Kommunion mit der Welten seltsam Farbenspiel.

Wild und welk das graue G’strüpp heut wuchert freudig
Auf des winz’gen Berges rauen rauen Rücken.
Und mit dumpfem Stolz ein Blickfang sich behauptet,
Der gleich des Menschen G’sicht, peinigend verwittert.

Endlich fällt hinab des Menschen ängstlich Augenblick
In die offne Wunde der sterbensbereiten
Schlote, die noch immer schwer atmen und trotzen
Dem wenig grünen Grün im bunten Einerlei.

Doch dann erblickst und riechst, O Mensch, du das Wunder.
Denn planlos plötzlich wächst aus dem schwarzen Grunde,
Das blaue Blümelein, so wunderbar und mannigfach,
Dass unser Herz vor Glück und Freude lacht und lacht.

 

Ingo Munz, geboren 1973 in Erlenbach am Main, ist Volksdichter. Er schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Gedichte und kurze Prosa. Ingo Munz lebt in Essen.

Die Flüchtigkeit der Worte

Augustinus schreibt im Zusammenhang mit der Vergänglichkeit alles Irdischen: „Auch die Worte, die man spricht, vernimmst du ja mit demselben Fleischessinn und willst nicht, daß die Silben stehen bleiben, sondern dahin eilen und anderen Platz machen, damit du das Ganze vernehmest. So ist’s immer mit allen Teilen, daraus ein Ganzes besteht. Die Teile aus denen es besteht, können nicht alle zugleich sein. Alle zusammen, wenn man sie in ihrer Ganzheit wahrnehmen kann, erfreuen mehr als die einzelnen.“ (Confessiones IV/11) Weiterlesen

Zum Italiener verurteilt

Von Nicola Carpentiero, Florenz

Ein halbes Jahrzehnt ist nun schon vergangen. Und doch, wenn man den Corriere della Sera aufschlägt, ist noch die Lücke deutlich sichtbar, die Indro Montanelli hinterlassen hat. Der aus Fucecchio stammende Journalist ist in der Tat eine der wenigen Lücken, die schwerlich gefüllt werden können. Denn Montanelli war nicht nur einer der größten italienischen Journalisten; Montanelli ist ein Denkmal der italienischen Geschichte, Zement und tragender Wert unseres verworrenen italienischen Daseins.

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A. Carpentiers Reise in den Urwald oder die Lesbarkeit der Natur

Ich bin nicht hier, um zu denken. Ich darf nicht denken. Ich muß vor allem sinnlich wahrnehmen und sehen. Und wenn das Sehen zum Schauen wird, strahlt ein einzigartiges Licht auf und alles bekommt eine Stimme. So habe ich einmal blitzartig entdeckt, daß es einen Tanz der Bäume gibt. Nicht alle Bäume kennen das Geheimnis, im Wind zu tanzen. Aber diejenigen, die diese Gnade besitzen, tanzen rings um den zitternden Stamm den Reigen der leichten Blätter, Äste und Triebe. Alles wird Rhythmus im Laub, wird aufsteigende, unruhige Bewegung, ein sich Kräuseln und Zurückwogen, dann weiße Pausen, Atemholen, Ermattung, die plötzlich umschlägt in Freude und wirbelnde Bewegung in einer wundervollen Musik des Grüns. Es gibt nichts Schöneres als den Tanz eines Bambushains im Wind. Keine menschliche Choreographie besitzt je eine solche Eurhythmie wie ein Zweig, der sich gegen den Himmel aufschwingt. Manchmal frage ich mich, ob nicht die höhere Form ästhetischen Empfindens einfach in einem höheren Verständnis der Schöpfung besteht. Eines Tages werden die Menschen in den Augen des Chalzedons, im graubraunen Samt der Nachtfalter ein Alphabet entdecken und sich staunend plötzlich bewußt werden, daß jede gefleckte Schnecke schon ein Gedicht war.

(Alejo Carpentier: Die verlorenen Spuren. Suhrkamp 1979. S. 268f.)