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	<title>Alter Egon</title>
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	<description>Kunst &#124; Kritik &#124; Wissenschaft</description>
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		<title>Mittelerde en realité</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Jan 2009 19:09:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
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		<description><![CDATA[von Karim Khodier, Kairo „Gestern ist Vergangenheit, heute ist Gegenwart, morgen ist Zukunft.“ „Vor einer Stunde ist Vergangenheit, jetzt ist Gegenwart, in einer Stunde ist Zukunft.“ Ist es nicht ein Widerspruch, wenn vor einer Stunde Vergangenheit ist, wo doch – &#8230; <a href="http://www.alteregon.de/archives/74">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Karim Khodier, Kairo</em><img src="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2009/01/augustinus.jpg" alt="Augustinus" width="175" align="right" height="300" hspace="10" /></p>
<p>„Gestern ist Vergangenheit, heute ist Gegenwart, morgen ist Zukunft.“ „Vor einer Stunde ist Vergangenheit, jetzt ist Gegenwart, in einer Stunde ist Zukunft.“ Ist es nicht ein Widerspruch, wenn vor einer Stunde Vergangenheit ist, wo doch – gesetzt es sei gerade Mittag – vor einer Stunde heute ist und heute Gegenwart ist? So wäre doch vor einer Stunde zugleich Vergangenheit und Gegenwart. Kann man überhaupt sagen, etwas sei Vergangenheit? Kann man sagen, etwas sei Zukunft? Gibt es Gegenwart?</p>
<p>Mit eben diesen Fragen hat sich Aurelius Augustinus beschäftigt. So ist die Frage, ob Vergangenheit sein kann, mit „nein“ zu beantworten. Vergangenheit ist nicht, denn sie war schon, und was war kann nicht mehr sein. Selbiges gilt für Zukunft, denn diese wird erst sein, und was erst sein wird, kann nicht schon sein. Vergangenheit und Zukunft sind also nicht. Wie steht es um die Gegenwart? Wie kann etwas Gegenwart sein, wo es doch, sobald es nicht mehr Zukunft ist, also nicht mehr sein wird, schon war und damit zur Vergangenheit zählt?</p>
<p><span id="more-74"></span>Mit der Gegenwart ist es wie mit einem Punkt. Ein Punkt hat keine Ausdehnung, so kann eine Linie keine Menge von Punkten sein, sondern lediglich eine Verbindung zweier. Ebenso wenig ist ein Quadrat eine Menge von Linien, da diese nur eindimensional sind, und ein Würfel ist keine Menge von Quadraten, da diese keine Ausdehnung dritter Dimension haben. Die Gegenwart hat also keine Ausdehnung. Wie aber können wir dann aber sagen, etwas sei Gegenwart? Wie können wir sagen, wie lange etwas dauert, wenn es doch wo es Zukunft ist, noch nicht dauert, wo es Gegenwart ist, nicht dauert, da die Gegenwart zwar ist, aber keine Zeit ist, und wo es Vergangenheit ist, nicht mehr dauert?</p>
<p>„Nur so, daß der Geist [...] ein Dreifaches tut. Er erwartet, merkt auf und erinnert sich. Die Erwartung des Zukünftigen geht durch Aufmerken auf das Gegenwärtige hindurch in die Erinnerung an das Vergangene über.“ (Confessiones XI/18) So stellt die Tatsache, dass das Zukünftige noch nicht ist, das Vergangene nicht mehr ist und das Gegenwärtige keine Ausdehnung hat, gar kein wirkliches Problem dar. Was andauert, ist nicht die Gegenwart, sondern das „gegenwärtige Aufmerken, durch welches hindurch immerfort das Zukünftige abwandert“ (ebd.). So wird auch das Verständnis einer langen Zukunft und einer langen Vergangenheit, die ja beide gar nicht sind und somit nicht lang sein können, durch ihre Definition als lange Erwartung der Zukunft, bzw. lange Erinnerung an das Vergangene, einfacher. Durch die Erinnerung und durch die Erwartung, ebenso wie durch das Aufmerken, vergegenwärtigen wir uns aber Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart. Diese drei Medien erst machen die drei Zeiten für uns real.</p>
<p>Nun ist es so, dass Immanuel Kant den Raum als eine Wahrnehmungsvorraussetzung für Dinge außerhalb unserer Selbst definiert hat. So hat der Tisch, den ich sehe, solange ich ihn sehe, eine räumliche Existenz. Sehe ich ihn nicht, so mag er auf eine mir unzugängliche Weise existieren, aber nicht <em>räumlich</em>. Denn erst das Bewusstsein gibt ihm Raum. Wäre der Raum keine Wahrnehmungsvorraussetzung, die dem Menschen a priori gegeben ist, so wüsste ich nicht, dass der Tisch kein Teil von mir ist, sondern etwas <em>außerhalb</em> meiner Selbst.Ist der Raum also das Wahrnehmungsmedium für alles äußere, so ist die Zeit das Medium, durch das wir Inneres wahrnehmen. Zeit ist nur in uns. Der Tisch hat keine Zeit, solange er nicht gedacht wird. Es mag ihn geben, aber eben „zeitlos“.</p>
<p>Folglich ist alles, was gedanklich in uns ist, ein Gegenstand mit zeitlicher Existenz. Was zeitliche Existenz hat, hat diese nur insofern, als es ein Teil unserer inneren Realität ist. Dies wiederrum bedeutet, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durch die Medien Erinnerung, Aufmerken und Erwarten, die ja selbst dauern, Teil unserer inneren Realität und somit Teil der Zeit werden.Doch kann man sich nur der Vergangenheit erinnern, der Gegenwart aufmerken und die Zukunft erwarten, wenn diese an sich schon real sind? Ist Realsein an sich &#8211; existieren &#8211; nicht eine Vorraussetzung für Zeitlichkeit? Oder müssen wir unseren Begriff von Realität neu definieren – entgegen seiner Bedeutung im Volksmund?</p>
<p>Lese ich einen Text, vergegenwärtige ich dann nicht, was ich gerade lese? Erinnere ich mich nicht dessen, was ich gelesen habe? Merke ich nicht dessen, auf was ich gerade lese, und erwarte, was ich noch lesen werde? Ist nicht dieses Zusammenspiel wieder ein Beispiel ausgedehnter Zeit? Ist nicht auch die Literatur ein weiteres Medium, durch das Zeit für uns Realität hat?</p>
<p>Ja, genau dies ist es. Lese ich eine Biographie, besser noch: eine Autobiographie, so vergegenwärtige ich mir das Leben eines anderen. Folglich wird sein Leben zu einem Bestandteil meiner Realität.Lese ich einen Roman – setzen wir diesen ruhig im Genre der Fantasy an – so vergegenwärtige ich mir eine geschriebene Realität. Dass diese vielleicht weder in Raum noch Zeit ein Teil der Realität, wie man sie herkömmlicher weise versteht, sein könnte, spielt keine Rolle. Jemand hat sich eine Welt, wie Tolkiens Mittelerde, mit ihrer Geschichte, mit ihren Geschehnissen ausgedacht. Durch das Ausdenken, seiner Erwartung dessen was er noch schreiben würde, sein Aufmerken dessen, was er gerade schreibt und durch seine Erinnerung an bereits Geschriebenes, Geschaffenes, vergegenwärtigt er die Gegenstände und Geschehnisse seiner Phantasie und gibt ihnen Realität – eine Realität, die auch die meine wird, wenn ich das Geschriebene lese.</p>
<p>Literatur ist also folglich ein Medium, das uns erlaubt, die Realität anderer Menschen, indem sie ein Teil unserer Zeit wird, zu unserer Realität zu machen. Ebenso erlaubt uns Literatur, Welten als real zu definieren, die es im allgemeinen Verständnis gar nicht sind. So ist auch die Sehnsucht nach erdachten Welten eine grundlose. Denn dadurch, dass wir sie denken, werden sie Teil unserer Realität, Teil unserer Zeit – sind real.</p>
<p>Und wenn das liebste Buch zu Ende geht? Dann denkt man es eben selbst weiter. Schon bevor es geschrieben war, war es real, denn es war in den Gedanken des Autors. So ist jeder Gedanke, ebenso wie die Literatur, ein Medium zur Realität. Und nur so kann verstanden werden, wie der Mensch seine Triebe durch „Freudsche Ersatzbefriedigung“ zähmen kann; und warum der Mensch auch manchmal Angst vor dem hat, dessen Absurdität er sich bewusst ist – denn was in unserem Bewusstsein ist, ist immer ein Teil unserer Realität.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Immanuel Kant: <em>Kritik der reinen Vernunft</em>, Frankfurt: Insel 1956, B37-52</p>
<p>Aurelius Augustinus: <em>Bekenntnisse, XI. Buch</em>, übers. v. Wilhelm Thimme, Zürich: Artemis 1950, 1958</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p><em>Karim Khodier</em>, geboren am 15. Dezember 1990, wuchs in Ägypten und Österreich bikulturell auf. Er interessiert sich für Musik und Philosophie und engagiert sich für die Schülerzeitung. Beruflich möchte er sich dem Thema erneuerbaren Energien widmen, in der Hoffnung, neben all dem noch genügend Zeit zum Reiten zu finden.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Den Artikel <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2009/01/alter_egon_090112_mittelerde_en_realite.pdf" title="hier">hier</a> als pdf herunterladen.</p>
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		<title>Ich weiß</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/61</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Aug 2008 21:49:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[von Lara Kirfel die zeit sie nahm dich an die hand und zog dich fort mich ließ sie am flussufer stehn ich solle warten bis der wind kommt die großen worte sind zu boden gefallen und zersplittert ich hab sie &#8230; <a href="http://www.alteregon.de/archives/61">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Lara Kirfel</em></p>
<p>die zeit<br />
sie nahm dich an die hand<br />
und zog dich fort<br />
mich<br />
ließ sie am flussufer stehn<br />
ich solle warten bis der wind kommt</p>
<p>die großen worte<br />
sind zu boden gefallen und<br />
zersplittert<br />
ich hab sie wieder zusammengesetzt<br />
und mit herzblut geklebt<br />
sagt, ihr planeten<br />
um was dreht ihr euch jetzt?</p>
<p><span id="more-61"></span></p>
<p>und ich schrie das meer an<br />
hör auf zu rauschen!<br />
damit er die sterne hört<br />
und ich schrie die vögel an<br />
helft mir den himmel zu halten!<br />
damit er sorglos darunter wandern kann</p>
<p>jetzt bin ich das fragezeichen<br />
das über den dächern schwebt<br />
die antwort<br />
sie liegt begraben<br />
unter dem grauen asphalt des verdängens</p>
<p>die momente<br />
sie haben sich versteckt<br />
hinter ecken und kanten<br />
ich hab sie gesucht<br />
mich wundgestoßen<br />
und bin doch ganz geblieben</p>
<p>und ich schrie ihn an<br />
du bist so schön<br />
dich anzusehen tut weh<br />
die hasen spitzten ihre ohren<br />
doch die blumen ließen ihre köpfe hängen</p>
<p>ich hab deinen namen<br />
auf  meine hand geschrieben<br />
sie hilft mir jetzt begreifen<br />
dass du<br />
du bist</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p><em>Lara Kirfel</em>, geboren am Neujahrstag 1990 in Bochum, lebt heute ebendort. Neben dem Schreiben von Gedichten gelten ihre Interessen der Hirn- und Bewusstseinsforschung, der Philosophie und der Literatur.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Artikel <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/08/alter_egon_080822_ich_weiss.pdf" title="hier als pdf"></a><a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/08/alter_egon_080822_ich_weiss.pdf" title="hier als pdf">hier als pdf</a> herunterladen.</p>
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		<title>Das zusammengesetzte Ich</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/57</link>
		<comments>http://www.alteregon.de/archives/57#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 19 Jul 2008 13:26:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Vorstellung, die personale Identität eines Menschen speise sich aus einer Art Seelensubstanz, welche die einzelnen Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche trage und dadurch die Einheit der Person über die Zeit hinweg garantiere, wird in der Philosophie seit Jahrhunderten heftig &#8230; <a href="http://www.alteregon.de/archives/57">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/07/peter-weiss.jpg" alt="Peter Weiss" align="right" height="258" width="200" />Die Vorstellung, die personale Identität eines Menschen speise sich aus einer Art Seelensubstanz, welche die einzelnen Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche <em>trage</em> und dadurch die Einheit der Person über die Zeit hinweg garantiere, wird in der Philosophie seit Jahrhunderten heftig attackiert. Dem wird die Vorstellung der Person als eines Bündels eben dieser Vorstellungen, Erinnerungen, Gedanken und Wünsche entgegengehalten, dessen Einheit eben genauso weit reicht wie die Summe seiner Bestandteile selbst.</p>
<p>Die sich hieraus ergebenden Idee, dass es sich bei unserem Ich um etwas <em>Zusammengesetztes</em> handelt, ist in der Literatur häufig aufgegriffen und nach verschiedenen Richtungen hin thematisiert worden. So geht Peter Weiss in seiner Erzählung &#8220;<em>Das Duell</em>&#8221; (1972) den Konsequenzen nach, die ein solcher Ichbegriff für die Aufgabe einer Sorge um sich selbst hat, welche die Augen vor den Verstrickungen mit der vielfältig zersplitterten Vergangenheit, die ein einfaches Fortsetzen des Bisherigen verbieten, nicht verschließt:</p>
<p><span id="more-57"></span></p>
<p>&#8220;Die Zukunft war Utopie, wenn sie nicht aus der Vergangenheit kam. Wie konnte Neues entstehn, wenn das Alte ungelöst blieb? Das Alte ließ sich nicht wegbrennen, ließ sich nicht ausschließen. Er dachte daran, wie die meisten einen Strich durch die Jugend zogen und ein erwachsenes Leben begannen, und das, was stoßweise auftauchte aus dem Versteckten, mußte geheimgehalten werden, durfte niemals zur Sprache kommen. Mit Mühe hielten sie dieses Leben zusammen, sich selbst fremd, voller Schrecken vorm Aufzeigen ihrer Herkunft. Sie taten, als wären sie stark und lebenstüchtig, sie trugen die Gesellschaft, sie wagten nicht, ihr Gesicht zu verlieren &#8211; und warum sollten sie es auch: war es nichts Pflicht, die Ordnung zu bewahren? Sie zu verteidigen, für sie zu kämpfen. Aber hier kamen sie herein, einer nach dem andern wurden bandagiert, aufgeschnitten, zusammengeflickt, bekamen neue Finger, neue Münder, aber niemals ein neues Wesen, und nach einiger Zeit kamen sie zurück, kriechend oder per Bahre. Dennoch hielten sie sich, im Ganzen gesehn, recht gut, sie waren heroisch, und trotz allem fast unverwüstlich. Für ihn aber gab es einen anderen Weg. Es gab nichts Einfaches und Selbstverständliches für ihn, nur Zersplitterung und Ungewißheit. Er musste sich selbst im Zusammengesetzten, im Widerstreitenden suchen, für ihn gab es keine fertige Welt, er musste selbst bauen. Er war eine Idee, die noch nicht Gestalt angenommen hatte, ein Spuk, der sich einmal materialisieren würde. Dort war es, wo seine Arbeit einsetzen mußte. Er spürte, wie ein Gewebe in ihm entstand, wie feine Fäden in einem unsteten Licht Richtungen andeuteten, Strukturen, um sich wieder im Unkenntlichen zu verlieren.&#8221; (S. 81-82)</p>
<p>Was hier als Arbeit bezeichnet wird, deren Ergebnis allerdings aus feinen Fäden und flüchtigen Strukturen besteht, erscheint bei Marcel Proust als Widerfahrnis, das wohl auch beunruhigt, aber letztlich doch ein ästhetisches Erleben darstellt, das gleichsam in der Rolle des bloßen Betrachters genossen werden kann. So heißt es gleich zu Beginn von &#8220;<em>In Swanns Welt</em>&#8220;, des ersten Bandes seiner <em>Recherche</em>, wo Proust den Moment des Erwachens beschreibt:</p>
<p>&#8220;&#8230;wenn ich mitten in der Nacht erwachte, wußte ich nicht, wo ich mich befand, ja im ersten Augenblick nicht einmal, wer ich war: ich hatte nur in primitivster Form das bloße Seinsgefühl, das ein Tier im Innern verspüren mag: ich war hilfloser ausgesetzt als ein Höhlenmensch; dann aber kam mir die Erinnerung &#8211; noch nicht an den Ort, an dem ich mich befand, aber an einige andere Stätten, die ich bewohnt hatte und an denen ich hätte sein können &#8211; gleichsam von oben her zu Hilfe, um mich aus dem Nichts zu ziehen, aus dem ich mir selbst nicht hätte heraushelfen können; in einer Sekunde durchlief ich Jahrhunderte der Zivilisation, und aus vagen Bildern von Petroleumlampen und offenen Hemden setzte sich allmählich mein Ich in seinen originalen Zügen wieder von neuem zusammen.&#8221; (S. 12)</p>
<p>Auch für Prousts Erzähler ist das Finden der Wahrheit der eigenen Person weniger Ergebnis eines Suchens als vielmehr eines Schaffens (vgl. S. 64), und die bequeme Mühelosigkeit einer Beschränkung auf das Naheliegendste wird ebenfalls kritisiert (vgl. S. 66). Und doch bleibt die Überschreitung  dieser Beschränktheit etwas, das uns &#8220;gleichsam von oben her&#8221; geschieht und um das wir uns nicht selbst zu bemühen brauchen. Und ist nicht auch der Ort, an dem dies geschieht, bezeichnend? Bei Proust das heimische Schlafzimmer &#8211; bei Weiss hingegen das Lazarett?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Peter Weiss: <em>Das Duell</em>, Frankfurt: Suhrkamp 1972.</p>
<p>Marcel Proust: <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit I: In Swanns Welt</em>,  Frankfurt: Suhrkamp 1964.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Den Artikel <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/08/alter_egon_080719_das_zusammengesetzte_ich.pdf" title="hier als pdf">hier als pdf</a> herunterladen.</p>
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		<title>Ein Sprungbrett zur Wahrheit</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/47</link>
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		<pubDate>Sun, 13 Apr 2008 11:38:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[Heimito von Doderer, dessen Name allein ihn zu einem Künstler zu machen scheint, berichtet in seiner Strudlhofstiege (1951) von den schöngeistigen, dem Schopenhauer- studium gewidmeten Zusammen- künften Etelkas und Pistas, zweier Aristokratensprösslinge in Wien kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in &#8230; <a href="http://www.alteregon.de/archives/47">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/08/strudlhofstiege_detail.jpg" alt="strudlhofstiege_detail.jpg" align="right" hspace="5" vspace="5" />Heimito von Doderer, dessen Name allein ihn zu einem Künstler zu machen scheint, berichtet in seiner Strudlhofstiege (1951) von den schöngeistigen, dem Schopenhauer- studium gewidmeten Zusammen- künften Etelkas und Pistas, zweier Aristokratensprösslinge in Wien kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in denen es &#8216;Geist hagelt&#8217; (S. 116) und die Anwesenden Schopenhauers &#8216;bestrickende Sprache in sich hineinsaugen wie vertrockneter Boden den Regen&#8217; (S. 117). Und er kommt nicht umhin, die Lächerlichkeit dieser Unternehmungen zuzugeben, und verteidigt sie doch gleichzeitig.</p>
<p>Denn &#8220;ein Blick zurück aus der Formlosigkeit unserer Zeit mit ihrem lebensnahen Getue, das in Wahrheit einer viel tieferen Zerfallenheit mit dem Leben entspringt, rückt hier Schätzbares in die Perspektive: <span id="more-47"></span>Jene zwei Menschen nämlich machten sich zumindest ihre Lügen selber, während man heute nicht einmal dazu mehr imstand ist, sondern sich mit diesem Artikel fertig beliefern läßt; naturgemäß ist dann die Ware lange nicht so frisch und elastisch, wie wenn man sie fortlaufend im Eigenbau erzeugt: hieraus kann man mit der Zeit immer noch ein Sprungbrett zur Wahrheit hinüber gewinnen, während der an den Bezug fertiger Produkte gewöhnte Mensch jene längst nicht mehr zu wittern vermag, mit seiner nur mehr an Benzin und Schmieröl gewöhnten Techniker-Nase.&#8221; (S. 120f.)</p>
<p>Hausgemachtes ist der Fertigware, obzwar nicht in seiner technischen Perfektion, so doch in seinem Charme stets überlegen. So ist es mit Speiseeis und Kneipeninterieurs. Doderer zufolge sind Lügen hiervon nicht ausgenommen. Und auch die Wahrheit, die durch solche im Eigenbau erzeugte Lügen erreicht werden kann, mag ihre Kanten haben, doch sie hat Charme &#8211; freilich einen solchen, den Techniker-Nasen nicht mehr zu wittern vermögen.</p>
<p>Knapp achtzig Jahre zuvor hat Nietzsche die Wahrheit als &#8220;ein bewegliches Heer von Metaphern&#8221; und das Gebot der Wahrhaftigkeit als &#8220;die Verpflichtung, herdenweise in einem für alle verbindlichen Stile zu lügen&#8221;, bezeichnet. Um aber in diesem Schlachtengetümmel nicht unterzugehen, versenkt es der Mensch ins Unbewusste. &#8220;Nur durch das Vergessen jener primitiven Metapherwelt, nur durch das Hart- und Starrwerden einer ursprünglichen in hitziger Flüssigkeit aus dem Urvermögen menschlicher Phantasie hervorströmenden Bildermasse, nur durch den unbesiegbaren Glauben,      <em>diese</em> Sonne,      <em>dieses</em> Fenster,      <em>dieser</em> Tisch sei eine Wahrheit an sich, kurz nur dadurch, daß der Mensch sich als Subjekt, und zwar als      <em>künstlerisch</em><em>schaffendes</em> Subjekt, vergißt, lebt er mit einiger Ruhe, Sicherheit und Konsequenz&#8221;.</p>
<p>Doderer, der Nietzsche <em>und</em> Walter Benjamin kennt, ersetzt das künstlerischschaffende Subjekt durch den Heimwerker und den die Wahrheit im Tatsächlichen Suchenden durch den Lieferservicekunden; die in hitziger Flüssigkeit hervorströmende Bildermasse durch frische und elastische Waren und das Sichvergessen des Ruhesuchenden durch das Blättern in Versandhauskatalogen. Das alles wäre vielleicht nicht mehr als eine weitere (die wievielte wohl), durch Konsumkritik eingefärbte Paraphrase des nietzscheanischen Gedankens. Wenn da nicht Doderers Eingangsbemerkung über die heutige Zeit wäre: &#8220;mit ihrem lebensnahen Getue&#8221; heißt es dort. Und Nietzsche, der Großonkel der Lebensphilosophie, wird hierdurch ebenso der Manieriertheit bezichtigt wie einer, der durch Verzicht auf Massenware die Rückkehr zum ursprünglichen Leben zu schaffen glaubt.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Heimito von Doderer: <em>Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre</em>, München: dtv 1966.</p>
<p>Friedrich Nietzsche: <em>Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne</em>, 1873, aus dem Nachlass.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Den Artikel <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/08/alter_egon_080413_ein_sprungbrett_zur_wahrheit.pdf" title="hier als pdf"></a><a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/08/alter_egon_080413_ein_sprungbrett_zur_wahrheit.pdf" title="hier als pdf">hier als pdf</a> herunterladen.</p>
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		<title>Winter</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Jan 2008 08:47:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[von Oliver Pangasius In Kälte ist erstarrt, was sonst beweglich dem Werden stets verhaftet vorwärts schreitet. Und was sich sonst voll Lebensfreude täglich verändert, ist dem Sterben nun bereitet. Des Lebens Einheit ist nunmehr zerteilt. Gebrochnes Licht fällt müde durch &#8230; <a href="http://www.alteregon.de/archives/26">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Oliver Pangasius</em></p>
<p>In Kälte ist erstarrt, was sonst beweglich<br />
dem Werden stets verhaftet vorwärts schreitet.<br />
Und was sich sonst voll Lebensfreude täglich<br />
verändert, ist dem Sterben nun bereitet.</p>
<p>Des Lebens Einheit ist nunmehr zerteilt.<br />
Gebrochnes Licht fällt müde durch die Zweige.<br />
Die Schöpferkraft, die sonst in allem weilt<br />
und wirkt, geht in der Stille nun zuneige.</p>
<p>Was bleibt, wenn man der Welt das Leben nimmt?<br />
Des Zustands Kern &#8211; verbindungslos zum andern.<br />
Wir Menschen müssen einsam und gekrümmt<br />
vor Kälte durch erfrorne Räume wandern.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p><em>Oliver Pangasius</em>, geboren 1968 in Buxtehude, Uhrmacherlehre in Osnabrück, lebt heute in Tecklenburg. Seine an der traditionellen norddeutschen Kalenderdichtung geschulte Lyrik verbindet den ernst-zurückhaltenden Tenor dieser Gattung mit parodistischen Elementen durch deren Überzeichnung.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Den Artikel <a href='http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/11/080109_winter.pdf' title='hier als pdf'>hier als pdf</a> herunterladen.</p>
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		</item>
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		<title>Denken ohne Gehirn</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/24</link>
		<comments>http://www.alteregon.de/archives/24#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 23 Nov 2007 09:34:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.alteregon.de/archives/24</guid>
		<description><![CDATA[Manuel Möller widmet sich in seinem Beitrag kritisch dem von Fodor vertretenen kognitionswissenschaftlichen Funktionalismus, der zwar einige Plausibilität für sich beanspruchen kann, aber vor allem bezüglich der empirischen Begründbarkeit letztlich der biologisch orientierten Kognitionswissenschaft unterlegen bleibt. <a href="http://www.alteregon.de/archives/24">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Manuel Möller, Saarbrücken<br />
</em></p>
<p><img src="http://rodin-web.org/a_pix/small_coll/D_Bielefeld.jpg" vspace="5" width="180" align="left" border="1" height="244" hspace="5" />Ein Computerprogramm kann mit einer unendlichen Zahl von Hardware- konfigurationen realisiert werden. Durch das Studium der Schaltkreise auf einem Computerchip kommt man dem Verständnis des ablaufenden Programms aber nicht näher. Es würde schließlich auch niemand die chemische Zusammensetzung der Tinte untersuchen, mit der Shakespeares Stücke geschrieben sind, um ihren Inhalt zu verstehen.</p>
<p>Diese Überlegungen nimmt Jerry Fodor (*1935) als Ausgangsbasis, um seinen Funktionalismus mentaler Repräsen- tationen zu entwickeln, den er in zahlreichen Büchern immer weiter verfeinert hat. Dazu gehören etwa &#8220;The Modularity Of Mind&#8221; (1983) und &#8220;The Elm and the Expert&#8221; (1994).</p>
<p><span id="more-24"></span>Fodor hat für die von ihm angenommene interne Sprache, in der wir denken, den Begriff &#8220;Mentalese&#8221; geprägt. Dabei hat er das gleiche Problem zu lösen, das seit Descartes &#8211; wenn nicht schon früher &#8211; alle Philosophen zu lösen hatten, wenn sie das Denken zu erklären versuchten: Wie funktioniert das Denken mit seinen symbolischen Kategorien und Ideen auf unserer subsymbolischen neuronalen Hardware?</p>
<p>Fodor formuliert den Gegensatz etwas anders: Die Alltagspsychologie sagt uns, dass mentale Zustände typischerweise intentional sind. Denken ist immer auf ein Objekt, auf eine Handlung, auf ein Ziel hin gerichtet. Wenn ich denke, dass ich gleich etwas essen gehen will, dann macht dieser Gedanke keinen Sinn ohne die Gerichtetheit meiner selbst auf dieses Essengehen.</p>
<p>Nach Fodor ist Denken eine Folge von rein syntaktischen Transformationen solcher mentalen Repräsentationen. In diesem Zusammenhang weist er auf die moderne Logik hin, die gezeigt hat, dass sich alle berechenbaren Prozesse auf Folgen von sehr wenigen einfachen Basisoperationen zurückführen lassen. Ob dies auf das menschliche Denken übertragbar ist, lässt er offen. Er gibt jedoch zu, dass wahrscheinlich niemand &#8211; auch er selbst nicht &#8211; davon überzeugt ist, dass ein menschliches Gehirn strukturell große Ähnlichkeit mit einer Turingmaschine hat. Allerdings beharrt er darauf, dass eine funktionale Ähnlichkeit besteht.</p>
<p>Der von Turing inspirierten Schule der Kognitionswissenschaft zufolge sind mentale Zustände berechenbar. Als Evidenz für diese Aussage führt Fodor an, dass Gedankengänge, die von wahren Prämissen ausgehen und logisch korrekte Schlussfolgerungen enthalten, zu wahren Schlüssen gelangen. Es gibt also so etwas wie Wahrheitserhaltung beim Denken. Ein Konzept wie logische Wahrheit ist jedoch nur für Symbole bzw. Symbolfolgen und -transformationen denkbar. Wie soll Wahrheitserhaltung auf subsymbolischer Ebene funktionieren? Also muss sie auf symbolischer Ebene stattfinden. Daraus folgert Fodor mit Turing, dass das beim Denken menschliche Gehirn regelhafte Symbolmanipulation ausführt, dass Denken also mit Symbolmanipulation identisch ist.</p>
<p>Interessant ist dieser Ansatz schon allein deshalb, weil er ein ganzes Stück weit als prototypisch für die theoretisch orientierte Kognitionswissenschaft aufgefasst werden kann. Andererseits ist er ein zwar interessanter, aber &#8211; wie sich in den letzten beiden Jahrzehnten gezeigt hat &#8211; nicht besonders fruchtbarer Gegenentwurf zur biologisch orientierten Kognitionswissenschaft. Diese postuliert das Primat der neurophysiologischen Basis, ohne die das Denken nicht stattfinden kann. Ob das Denken allein vom Denken her verstanden, ob es ausschließlich durch die Untersuchung der Biologie erklärt werden kann oder am Ende doch das eine nicht ohne das andere zu verstehen ist, ist nicht entschieden. Derzeit spricht derzeit jedoch einiges für den physiologisch orientierten Ansatz&#8230;</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p><a href="http://manuelm.org/" title="Manuel MÃ¶ller">Manuel Möller</a> hat an der TU Chemnitz Informatik und Philosophie studiert und forscht derzeit am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern zur automatischen Objekterkennung.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Den Artikel <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2008/11/alter_egon_071123_denken_ohne_gehirn.pdf" title="hier als pdf">hier als pdf</a> herunterladen.</p>
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		<title>Dichtung und Wahrheit</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/22</link>
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		<pubDate>Fri, 16 Nov 2007 09:51:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Fragwürdigkeit einer Unterscheidung von psychischer Realität und dichterischer Fiktion ist das Thema von R. Jakobsons Studie "Was ist Poesie" (1934) Eine Fußnote, in der Jakobson seine Thesen mittels eines Beispiels illustriert, wird in diesem Beitrag in den Vordergrund gerückt. <a href="http://www.alteregon.de/archives/22">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.onlinekunst.de/julizwei/Degas.jpg" align="right" height="202" hspace="7" vspace="0" width="179" />Der große Linguist Roman Jakobson widmet sich ein seiner glänzenden Studie &#8220;<em>Was ist Poesie?</em>&#8221; aus dem Jahre 1934 der Fragwürdigkeit einer Unterscheidung von  psychischer Realität und dichterischer Fiktion, wie sie sich angeblich in der Analyse von autobiographischen Werken treffen lässt. Wenigstens diejenige Lesart einer solchen Unterscheidung, die eine Art kausale Hervorbringung der Fiktion durch das vorher Erlebte suggeriert, lehnt Jakobson ganz im Sinne des Strukturalismus kategorisch ab. Genauso gut könnte man das Gegenteil behaupten, doch letztlich bleiben solche &#8220;Gleichungen mit zwei Unbekannten&#8221; fruchtlos. Und das Beispiel, mit dem Jakobson seine Meinung in einer Fußnote illustriert, verdient hier in den Vordergrund gerückt zu werden.</p>
<p><span id="more-22"></span></p>
<p>Der tschechische Dichter Karel Hynek Mácha war nicht zuletzt berühmt für seine Schilderungen weiblicher Schönheit. So heißt es in seinem Roman <em>Marinka</em>: &#8220;Schwarze, schlichte Haare fielen in schweren Locken um ihr bleiches, ausgezehrtes Antlitz, welches das Zeichen hehrer Schönheit trug, auf das reine weiße Kleid, das oben bis zum Hals geschlossen war, unten bis zum kleinen, leichten Füßchen reichte, eine hohe, schlanke Gestalt offenbarend. Ein schwarzer Gürtel umschloss den zarten Leib, und eine schwarze Spange umspannte die schöne, hohe, weiße Stirn. Aber nichts erreichte die Schönheit der flammenden schwarzen, tiefliegenden Augen. Diesen Ausdruck der Trauer und Sehnsucht vermag keine Feder wiederzugeben.&#8221;</p>
<p><img src="http://www.ckrumlov.info/img/12863.jpg" align="left" height="202" hspace="7" vspace="3" width="179" />In seinen zur gleichen Zeit verfassten Tagebüchern (Mácha wurde nur 25 Jahre alt) hingegen heißt es: &#8220;Ich hob ihre Röcke hoch, um sie von vorn, von der Seite, von hinten zu betrachten&#8230; Die hat einen Mordsarsch&#8230; Sie hatte ganz schön weiße Schenkel&#8230; Ich spielte mit ihrem Fuß, sie zog den Strumpf aus, setzte sich aufs Kanapee und so weiter&#8230;&#8221;</p>
<p>Welche Schilderung ist Dichtung, welche ist Wahrheit? Muss man nicht Jakobson zustimmen, wenn er schreibt: &#8220;Jede verbale Äußerung stilisiert und transformiert in gewissem Sinn die Begebenheit, welche sie schildert&#8221;?  Und was würde <a href="http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;sid=984fceeb76fe68bc26dc2ccaaeec1608&amp;nr=33456&amp;pos=0&amp;anz=1" title="Esra">Esra</a> sagen?</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p>Roman Jakobson:<em> Was ist Poesie?, </em>in:<em> Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971. Hg. v. Elmar Holenstein</em>,<em> </em>Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979, S. 67-82.<em>  </em></p>
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		<title>Lied ohne Worte</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/19</link>
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		<pubDate>Wed, 24 Oct 2007 13:19:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Andante con moto in E-Dur, Eingangsstück von Mendelssohns unterschätzer Sammlung "Lieder ohne Worte" erfährt hier eine Interpretation, das es als kleines Meisterwerk erkennen lässt. Eine Aufnahme des Stücks ist als mp3 verfügbar. <a href="http://www.alteregon.de/archives/19">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2007/10/songs-without-words.jpg" title="Lieder ohne Worte"><img src="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2007/10/songs-without-words.jpg" alt="Lieder ohne Worte" align="right" /></a>Mit seinen <em>Liedern ohne Worte</em> hat Felix Mendelssohn-Bartholdy dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts das Idealbild der gepflegten Hausmusik vermacht. Gerade deshalb haben sie heute ihre Bedeutung verloren, so schreibt das Ullstein-Lexikon der Musik. Doch aufmerksames Hören lässt schnell klar werden, wie wenig sich diese kleinen Klavierstücke auf ein Mittel zur Demonstration des im Klavierunterricht gelernten im familiären Kreis reduzieren lassen. Schon das erste Stück, ein zurückhaltendes <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2007/10/mendelsohn-01-andante-con-moto-e-dur.mp3" title="Andante con moto">Andante con moto</a> (mp3) lässt den Titel der Sammlung unmittelbar einsichtig werden.</p>
<p><span id="more-19"></span></p>
<p>Wie ein Lied, dessen Worte wegen der zu großen Entfernung, aus der es herüberklingt, nicht zu vernehmen sind, ertönt diese schmachtende Melodie, und man möchte näher treten, um auch die Worte verstehen zu können. Doch es scheint sich von sich aus zu nähern, und dann, wenn sich nach 130 Sekunden der Klang in die moll-Dominante auflöst, wird man gewahr, dass dieses Lied keine Worte braucht. Und wenn gleich darauf das leicht verzögerte Echo dieser Figur zu hören ist, wird vollends klar, dass eben dies das Besondere an diesem Lied ist. Es ist kein Lied <em>ohne Worte</em>, als ob man die Worte einfach weggelassen hätte. Es ist ein Lied, das keine Worte braucht, um lyrisch zu sein. Ein Lied, das beim Hörer diesen seltsam schwebenden Eindruck hinterlässt, es sei einem etwas gesagt worden, für das es keine Worte gibt.</p>
<p>Das <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2007/10/mendelsohn-01-andante-con-moto-e-dur.mp3" title="Andante con moto">Andante con moto</a> in E Dur, Op. 19 Nr. 1 wird gespielt von Frank van de Laar in einer Aufnahme aus dem Jahre 1999.<a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2007/10/mendelsohn-01-andante-con-moto-e-dur.mp3" title="hier"></a></p>
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		<title>Heidegger und das Man</title>
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		<pubDate>Sun, 02 Sep 2007 09:23:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[Man mag von Heidegger halten, was man will. Jenen Heidegger, den Reger in Thomas Bernhards Alte Meister als &#8220;Voralpenschwach- denker&#8221; beschimpft, als &#8220;vor dem verlogenen Blockhaus&#8221; sitzenden &#8220;Denkspießer mit der schwarzen Schwarz- waldhaube auf dem Kopf&#8221;, der die Philosophie auf &#8230; <a href="http://www.alteregon.de/archives/17">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.holzhey.de/weblog/images/heidegger_copy.jpg" align="left" height="197" hspace="5" vspace="1" width="280" />Man mag von Heidegger halten, was man will. Jenen Heidegger, den Reger in Thomas Bernhards <em>Alte Meister </em>als &#8220;Voralpenschwach- denker&#8221; beschimpft,  als &#8220;vor dem verlogenen Blockhaus&#8221; sitzenden &#8220;Denkspießer mit der schwarzen Schwarz- waldhaube auf dem Kopf&#8221;, der die Philosophie auf die &#8220;unverschämteste Weise total verkitscht hat&#8221;. Man mag von ihm halten, was man will, aber seine Analyse des alltäglichen Selbstseins und des Man im § 27 von <em>Sein und Zeit </em>ist nichts anderes als brilliant; weniger philosophisch zwar als dichterisch, doch das bringt diesen Paragraphen ja gerade dazu, so herausragend zu sein.</p>
<p><span id="more-17"></span></p>
<p>Im alltäglichen Miteinandersein ist der Einzelne nicht selbst für sich und seine Existenz verantwortlich: &#8220;Die Anderen haben ihm das Sein abgenommen. Das Belieben der Anderen verfügt über die Seinsmöglichkeiten des Daseins.&#8221; Die Anderen, unter deren Herrschaft ich stehe, sind zwar die<em> Anderen</em>, doch diese nenne ich nur so, &#8220;um die eigene wesenhafte Zugehörigkeit zu ihnen zu verdecken&#8221;. Denn im alltäglichen Leben bin ich so wie die anderen, ich bin so, wie <em>man </em>eben ist. Das Wer des alltäglichen Miteinanderseins &#8220;ist nicht dieser und nicht jener, nicht man selbst und nicht einige und nicht die Summe Aller.&#8221; Es ist das <em>Man</em>.</p>
<p>Im Alltag, und besonders wenn man sich gesellschaftlicher Institutionen bedient, die jeden gleichschalten, &#8220;ist jeder Andere wie der Andere&#8221;. Man trifft andere, die man schon zu kennen glaubt, weil es eben die Anderen sind. Entscheidend ist, dass einem dieses  Voraburteilen als solches nicht bewusst wird. &#8220;In dieser Unauffälligkeit und Nichtfeststellbarkeit entfaltet das Man seine eigentliche Diktatur. Wir genießen und vergnügen uns, wie <em>man </em>genießt; wir lesen und urteilen über Literatur und Kunst, wie <em>man </em>sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom &#8216;großen Haufen&#8217; zurück, wie <em>man </em>sich zurückzieht; wir finden &#8216;empörend&#8217;, was <em>man </em>empörend findet.&#8221;</p>
<p>Dem Man geht es wesentlich um <em>Durchschnittlichkeit. </em>Diese &#8220;wacht über jede sich vordrängende Ausnahme. Jeder Vorrang wird geräuschlos niedergehalten. Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft.&#8221; (Man könnte mit Ödon von Horvath das Man als den  <em>Ewigen Spießer </em>bezeichnen, der danach trachtet, &#8220;jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.&#8221;)</p>
<p>&#8220;Das Man entlastet so das jeweilige Dasein in seiner Alltäglichkeit. Nicht nur das; mit seiner Alltäglichkeit kommt das Man dem Dasein entgegen, sofern in diesem die Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen liegt. Und weil das Man mit der Seinsentlastung dem jeweiligen Dasein ständig entgegen kommt, behält es und verfestigt es seine hartnäckige Herrschaft.&#8221;</p>
<p>Man ziehe von diesen Zitaten den heideggerschen Schwulst ab, und <em>man</em> wird erkennen, dass <em>man </em>sich ertappt fühlt&#8230;</p>
<p>Thomas Bernhard: <em>Alte Meister. Komödie</em>, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1985.</p>
<p>Martin Heidegger: <em>Sein und Zeit. 18. Aufl.</em>, Tübingen: Niemeyer 2001.</p>
<p>Ödon von Horvath: <em>Der ewige Spießer. Ein erbaulicher Roman in drei Teilen</em>, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1977.</p>
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		<title>Altenessen</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/16</link>
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		<pubDate>Thu, 21 Jun 2007 08:56:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[Ingo Munz´ zauberhaftes Gedicht über Altenessen im Essener Norden. <a href="http://www.alteregon.de/archives/16">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>von Ingo Munz</em></p>
<p>In Essens Norden, wo die Mutter sanft schon schläft,<br />
Listig sich versteckt  ein Ort gar magisch arglos.<br />
Stumm und taub dort feiert&#8217;s Menschenwerke  schüchtern<br />
Kommunion mit der Welten seltsam Farbenspiel.</p>
<p>Wild und welk  das graue G&#8217;strüpp heut wuchert freudig<br />
Auf des winz&#8217;gen Berges rauen rauen  Rücken.<br />
Und mit dumpfem Stolz ein Blickfang sich behauptet,<br />
Der gleich des  Menschen G&#8217;sicht, peinigend verwittert.</p>
<p>Endlich fällt hinab des Menschen ängstlich Augenblick<br />
In die offne Wunde der sterbensbereiten<br />
Schlote, die  noch immer schwer atmen und trotzen<br />
Dem wenig grünen Grün im bunten  Einerlei.</p>
<p>Doch dann erblickst und riechst, O Mensch, du das  Wunder.<br />
Denn planlos plötzlich wächst aus dem schwarzen Grunde,<br />
Das blaue  Blümelein, so wunderbar und mannigfach,<br />
Dass unser Herz vor Glück und Freude  lacht und lacht.</p>
<p align="left">&nbsp;</p>
<p align="left"><em><a href="http://www.amorkratie.de">                                Ingo Munz</a>, </em>geboren 1973 in Erlenbach am Main, ist Volksdichter. Er schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Gedichte und kurze Prosa. Ingo Munz lebt in Essen.<em>  </em></p>
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		<title>Die Flüchtigkeit der Worte</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/15</link>
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		<pubDate>Fri, 15 Jun 2007 17:56:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.alteregon.de/archives/15</guid>
		<description><![CDATA[Anhand eines Augustinuszitats wird das Paradox einer vornehmlich in der Flüchtigkeit der gesprochenen Rede wahrnehmbaren Ganzheit ihres Sinnes verdeutlicht, das dem Erzähler in Prousts Suche nach der verlorenen Zeit zur Last wird. <a href="http://www.alteregon.de/archives/15">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Augustinus schreibt im Zusammenhang mit der Vergänglichkeit alles Irdischen: &#8220;Auch die Worte, die man spricht, vernimmst du ja mit demselben Fleischessinn und willst nicht, daß die Silben stehen bleiben, sondern dahin eilen und anderen Platz machen, damit du das Ganze vernehmest. So ist&#8217;s immer mit allen Teilen, daraus ein Ganzes besteht. Die Teile aus denen es besteht, können nicht alle zugleich sein. Alle zusammen, wenn man sie in ihrer Ganzheit wahrnehmen kann, erfreuen mehr als die einzelnen.&#8221; (Confessiones IV/11)<span id="more-15"></span></p>
<p>Augustinus spricht hier einen Punkt an, der für die Sprachwissenschaft wie auch für die Hermeneutik von tragender Bedeutung ist: Der Verstehende, der die Aufgabe hat, in einem Text einen einheitlichen Sinn zu entdecken, wird im Modus der gesprochenen Sprache mit einer grundlegenden Paradoxie konfrontiert. Im Sprechen ist die Sprache durch und durch im Fluss. Und doch kann das kontunuierliche Verschwinden der Worte im Fluss der Rede nicht verhindern, dass uns diese als eine den Hörer einnehmende Ganzheit erscheint, wie sie der geschriebenen Sprache, der man sich in kritischem Abstand nähert, kaum zukommt. Die Flüchtigkeit der gesprochenen, d.h. der sinnlich wahrnehmbaren Worte wird zur Bedingung der einnehmenden Ganzheit ihres Sinnes. Gadamer hebt ebenfalls diese Leistung des Hörens hervor: &#8220;Das ist das Wesen des Hörens, dass sich die ganze Gliederung der Rede wie in die neue Einheit zusammenfasst, die das Wort ist, das einem gesagt wird. Das Wort ist nicht die Wörter.&#8221; (Über das Hören, S. 200)</p>
<p>Dennoch kann bei entsprechend verzärtlichter Gemütsverfassung die Flüchtigkeit der Worte zur Last werden, wenn es um allein um ihre Ästhetik geht und das Wort in seiner Materialität selbst in den Fokus rückt. Wer wenn nicht der Überempfindliche Erzähler aus &#8220;Auf der Suche nach der verlorenen Zeit&#8221; kommt hierfür in Betracht? Folgendes wiederfährt ihm bei einem Theaterbesuch: &#8220;Ich hätte gern &#8211; um mir einen tieferen Eindruck davon verschaffen, nach dem Schönen darin forschen zu können &#8211; jede Modulation der Künstlerin noch lange im Ohr festhalten, jeden Ausdruck ihres Gesichts vor Augen haben mögen; so bot ich wenigstens alles auf, was ich an geistiger Beweglichkeit besaß, um schon im voraus meine Aufmerksamkeit ganz genau auf jeden Vers zu richten, damit ich nicht durch Vorbereitung auf den folgenden das kleinste Partikelchen von der Zeit verlöre, die jedes Wort, jede Geste in Anspruch nahm, und dank angespanntem Hinhören so tief in sie einzudringen, wie ich es getan hätte, wenn ich sie lange Stunden hindurch hätte genießen können. Aber wie kurz war die Zeit! Kaum hatte ein Klang mein Ohr erreicht, so trat schon der nächste an seine Stelle.&#8221; (Im Schatten junger Mädchenblüte, S. 32).</p>
<p align="left">
<p>Aurelius Augustinus: <em>Bekenntnisse. </em>Übers. v. Wilhelm Thimme, Zürich: Artemis 1950, 1958.</p>
<p>Hans-Georg Gadamer: Über das Hören. In: Thomas Vogel (Hg.): Über das Hören, Tübingen: Attempto 1996. S. 197-205.</p>
<p>Marcel Proust: <em>Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 2. Im Schatten junger Mädchenblüte</em>, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1964.</p>
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		<title>Zum Italiener verurteilt</title>
		<link>http://www.alteregon.de/archives/12</link>
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		<pubDate>Sat, 09 Jun 2007 08:13:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.alteregon.de/archives/12</guid>
		<description><![CDATA[Nicola Carpentiero (Florenz) schreibt einen Nachruf auf den großen italienischen Journalisten und Historiker Indro Montanelli - und zwar ein halbes Jahrzehnt nach seinem Tod, denn noch immer ist die Lücke, die er hinterlassen hat, nicht gefüllt worden... <a href="http://www.alteregon.de/archives/12">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Von Nicola Carpentiero, Florenz</em></p>
<p><img src="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/it/d/d4/IndroMontanelliLettera22.jpg" align="right" border="0" height="180" hspace="10" vspace="0" width="270" />Ein halbes Jahrzehnt ist nun schon vergangen. Und doch, wenn man den <em>Corriere della Sera </em>aufschlägt, ist noch die Lücke deutlich sichtbar, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Indro_Montanelli" title="Indro Montanelli">Indro Montanelli</a> hinterlassen hat. Der aus Fucecchio stammende Journalist ist in der Tat eine der wenigen Lücken, die schwerlich gefüllt werden können. Denn Montanelli war nicht nur einer der größten italienischen Journalisten; Montanelli ist ein Denkmal der italienischen Geschichte, Zement und tragender Wert unseres verworrenen italienischen Daseins.</p>
<p><span id="more-12"></span></p>
<p>Montanelli war ein scharfer und aufmerksamer Beobachter nationaler Angelegenheiten, ein brillanter Polemiker und unermüdlicher Kämpfer, dessen Feldzüge für Italien mitunter lebenswichtig waren (der letzte war der gegen Silvio Berlusconi). Dieser Montanelli hat seine langjährige Tätigkeit als Historiker und Journalist jedoch vor allem dem beständigen und leidenschaftlichen Dialog mit dem Leser gewidmet, vor dem allein er bereit war Rechenschaft abzulegen. In der Tat waren es die Gespräche mit seinen Lesern, die sein Schreiben beseelt und seine Recherchen belebt haben, so wie es der besten journalistischen Tradition zukommt. Und diese besteht in Analysen, Befragungen und eben schließlich dem Dialog und dem Vergleich mit der Andersartigkeit der Wirklichkeit.</p>
<p>Montanelli, der das gesamte 20. Jahrhundert durchlebt und es durch seine Hauptdarsteller (von Mussolini bis De Gaulle, von Hitler bis Churchill) kennen gelernt hat, beschrieb sich selbst so: &#8220;Immer Zeuge, nie Protagonist!&#8221;. Man tut diesem Ausdruck der Bescheidenheit gleichwohl kein Unrecht, wenn man  Montanelli einen großen Protagonist des kulturellen Lebens in Italien nennt, der aus der Geschichte das Mittel der Wahl machte um zu verstehen &#8220;woher unser Land kommt&#8221;, &#8220;aus welchen Ereignissen es hervorgegangen ist&#8221; und auch &#8220;warum es nicht so ist, wie es sein sollte&#8221;. An die Geschichte glaubte er wegen ihrer Wichtigkeit für die Bildung eines Zivilbewusstseins. Mit dem <em>morgen</em> hatte er dagegen fühlte er sich nicht recht wohl: &#8220;Ich habe mein Leben dem bescheidenen Studium des <em>gestern</em> gewidmet. Das <em>morgen</em> entzieht sich mir.&#8221; Im Übrigen war er stets der Schlussfolgerung verpflichtet, dass es &#8220;in Italien besser ist, nie irgendetwas zu ändern, da es immer darauf hinausläuft, dass man es zum Schlechten hin verändert&#8221;.</p>
<p>Der Horizont Montanellis war also der der Vergangenheit; mit Sicherheit eine durch die Gegenwart verklärte Vergangenheit, wiederhergestellt in Form einer Erzählung, in welcher er die relevanten Details des italienischen Volkes aufgespürt, erforscht und verurteilt hat. Die Zugehörigkeit zu diesem Volk hat er stets als Urteil empfunden, und doch hat er an ihm gerade sein Italienischsein verurteilt, das immer als gute Ausrede für jeden unserer Irrtümer, jede unsere Unangemessenheit, jede unsere sprichwörtliche Janusköpfigkeit herhalten muss. Er war ein Italiener gegen die Ausschweifungen der Italiener, und gerade deswegen war er ein großer Italiener, denn der wahre Italiener ist der Antiitaliener, und das Antiitalienische ist der beste Wesenszug des Italienischen.</p>
<p>Es ist kein Zufall, dass er auf die Ernennung zum Senator auf Lebenszeit sowie auf den Direktorposten des <em>Corriere della Sera</em> verzichtete, um weiterhin seiner Tätigkeit nachgehen zu können. Von der hohen Warte seiner Erfahrung aus verstand er, dass die Chefsessel Zugeständnisse und Kompromisse erfordern, die zumeist damit enden, dass man sein Schreibzeug wegpackt, die einem den Stolz nehmen und den lebendigen Instinkt ersticken, der es einem erlaubt, die Feder schnell über das Papier laufen zu lassen und in Freiheit zu informieren und zu kritisieren. Ein Italiener also. Ein Italiener, wie es Pirandello, Don Milani, Pasolini, Sciascia und Bobbio waren; und wie es auf ihre Art auch die Fallaci war.</p>
<p>Aus Argwohn gegenüber den Stammtischmoralisten hat er seinen Lesern niemals Vorschriften gemacht. Für die Jungen hat er hingegen folgende Ermutigung ausgesprochen: &#8220;Kämpft stets für die Dinge, an die ihr glaubt. Ihr werden alle Kämpfe verlieren, so wie ich alle verloren habe. Einen nur könnt ihr gewinnen: Den, der jeden Morgen losbricht, wenn man sich vor dem Spiegel rasiert. Wenn ihr euch ansehen könnt, ohne zu erröten, so seid zufrieden!&#8221;</p>
<p>Für fast ein Jahrhundert hat er sich sein blankes Gesicht bewahrt.</p>
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<p align="left"><em>Aus dem Italienischen von Simon Meier.</em></p>
<p align="left">Den Orginaltext kann man sich <a href="http://www.alteregon.de/wp-content/uploads/2007/06/070608_montanelli.pdf" title="hier als pdf">hier als pdf</a> herunterladen.</p>
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		<title>A. Carpentiers Reise in den Urwald oder die Lesbarkeit der Natur</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jun 2007 07:11:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
				<category><![CDATA[-]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Auszug aus Carpentiers Roman "Die verlorenen Spuren", in dem der ErzÃ¤hler von einem tranceartigen Zustand der Naturbeobachtung berichtet, in dem NaturschÃ¶nheit und Lesbarkeit eins sind. <a href="http://www.alteregon.de/archives/11">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.poster.net/rousseau-henri/rousseau-henri-the-snake-charmer-9932072.jpg" align="left" border="0" height="250" hspace="5" vspace="3" width="250" />Ich bin nicht hier, um zu denken. Ich darf nicht denken. Ich muß vor allem sinnlich wahrnehmen und sehen. Und wenn das Sehen zum Schauen wird, strahlt ein einzigartiges Licht auf und alles bekommt eine Stimme. So habe ich einmal blitzartig entdeckt, daß es einen Tanz der Bäume gibt. Nicht alle Bäume kennen das Geheimnis, im Wind zu tanzen. Aber diejenigen, die diese Gnade besitzen, tanzen rings um den zitternden Stamm den Reigen der leichten Blätter, Äste und Triebe. Alles wird Rhythmus im Laub, wird aufsteigende, unruhige Bewegung, ein sich Kräuseln und Zurückwogen, dann weiße Pausen, Atemholen, Ermattung, die plötzlich umschlägt in Freude und wirbelnde Bewegung in einer wundervollen Musik des Grüns. Es gibt nichts Schöneres als den Tanz eines Bambushains im Wind. Keine menschliche Choreographie besitzt je eine solche Eurhythmie wie ein Zweig, der sich gegen den Himmel aufschwingt. Manchmal frage ich mich, ob nicht die höhere Form ästhetischen Empfindens einfach in einem höheren Verständnis der Schöpfung besteht. Eines Tages werden die Menschen in den Augen des Chalzedons, im graubraunen Samt der Nachtfalter ein Alphabet entdecken und sich staunend plötzlich bewußt werden, daß jede gefleckte Schnecke schon ein Gedicht war.</p>
<p align="right"><em>(Alejo Carpentier: Die verlorenen Spuren. Suhrkamp 1979. S. 268f.)</em></p>
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		<title>Alter Egon&#8230;</title>
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		<pubDate>Thu, 31 May 2007 09:14:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alter Egon</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Editorial. <a href="http://www.alteregon.de/archives/9">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230; soll Ort und Stelle sein für Beiträge aus Kunst, Kritik und Wissenschaft &#8211; von mir und ausgesuchten Gastautoren.  Textvorschläge sind jederzeit willkommen.</p>
<p>&#8220;Alter Egon&#8221; geht auf einen Druckfehler in der Bildzeitung zurück, dessen genaue Herkunft (Flüchtigkeitsfehler oder Dummheit) unklar ist. In Anlehnung an A. Schütz soll hier eingangs die Generalthesis des Alter Egon aufgestellt werden: Es wird als selbstverständlich hingenommen, dass es gleichgeartete Menschen gibt. Ich frage daher: <em>Wo seid ihr, ihr Gleichgearteten??</em></p>
<p>Ein Alter Egon ist dies nur insofern als er <em>sich selbst</em> ein Egon ist und <em>ich </em>wiederum <em>für ihn </em>ein Alter Egon. Nur in wechselseitiger Bestimmtheit, nur in Selbst- <em>und</em> Fremdauslegung sind wir, was wir sind.</p>
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